Es ist Sonntag, der 13. Juli 1930. Über der uruguayischen Hauptstadt Montevideo hängen dicke Wolken. Es schneit. Gegen 15:20 Uhr wird es im Estadio Pocitos, der Spielstätte des Vereins Peñarol, laut. Dem 22-jährigen französischen Kicker Lucien Laurent wurde ein besonderes Privileg zuteil: Gerade hatte er den ersten Treffer in der Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft erzielt. Es war der Startschuss zur bis heute populärsten Sportveranstaltung der Welt. Doch an diesem 13. Juli sowie in den Wochen und Monaten vor der Erstaustragung wehte noch ein anderer Wind. FIFA-Funktionäre hatten einerseits seit Jahren auf diesen Augenblick hingearbeitet, andererseits wurden sie nun von schlaflosen Nächten und Gefühlsschwankungen heimgesucht. Ist dieses Weltturnier tatsächlich eine gute Idee? Doch diese am Scheideweg stehenden Gefühle sollten schon bald in große Euphorie umkippen – so wie es bei den frenetischen südamerikanischen Fußballfans längst der Fall war. Spätestens am Tag nach dem Endspiel, dem 31. Juli, war man sich durch die Bank einig, dass in den letzten 18 Tagen etwas Großes entstanden war. Der Fußball sollte sich von nun an um 360 Grad drehen. Die erste Fußballweltmeisterschaft war geprägt von großartiger Pionierarbeit und Organisation, aber auch von handfesten Skandalen sowie Eklats, um die unzählige Mythen kursieren. Doch trotz aller Nebengeräusche blieb das Wohl des Fußballs und des Sports stets im Vordergrund. Die erste Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 1930 war ein voller Erfolg.
Uruguay? Kennt doch keiner!
Die Geschichte dieser WM-Premiere begann keinesfalls erst an diesem 13. Juli. Jede Weltmeisterschaft benötigt ein umfangreiches Konzept, damit das jeweilige Gastgeberland bereits Jahre zuvor mit den Arbeiten beginnen kann. Und gerade, weil es sich um die Erstaustragung handelte, erwartete man, dass alles minutiös geplant werden würde – das Gegenteil war der Fall. Die FIFA hatte weder ein Konzept hinsichtlich der Teilnehmer oder des Systems, noch wurde – wie heutzutage – mindestens ein Jahrzehnt vor dem Großereignis bekannt gegeben, wer das Rennen um den Veranstalter für sich entscheiden konnte. Erst zu Pfingsten 1929 wurde die WM offiziell nach Uruguay vergeben.
Doch wie konnte es sein, dass ein Land, das kleiner ist als der kleinste Bundesstaat Brasiliens, solch eine Verantwortung auf sich nehmen konnte und wollte? Schließlich hatte der Fußball in Uruguay zum Zeitpunkt der WM-Vergabe erst wenige Jahre zuvor Fuß gefasst. Doch bereits zuvor herrschte in dem kleinen Land mit rund eineinhalb Millionen Einwohnern ein reger Fußballbetrieb. Das erste überlieferte Spiel reicht bis ins Jahr 1881 zurück. Insbesondere britische Bildungsinstitutionen, Unternehmen sowie Firmen trieben die neue Sportart voran. Im Jahr 1900 wurde erstmals eine Meisterschaft ausgespielt. Schlussendlich waren jedoch nicht die nationalen, sondern die internationalen Meriten des Landes am Fuße des Río de la Plata ausschlaggebend für die Vergabe der WM. Seit 1905 hatte sich das jährliche fußballerische Kräftemessen zwischen den Nachbarländern Uruguay und Argentinien institutionalisiert. 1910 entwickelte sich daraus ein Wettbewerb mit mehreren Ländern, der 1916 erstmals offiziell ausgespielt wurde. Die Bewerbung Uruguays hatte jedoch noch einen weiteren Gesichtspunkt: Auf europäischen Karten fand das Land damals oft keine Anerkennung und wurde vielfach schlicht als Bundesland Argentiniens bezeichnet. Wenn bei einer Weltmeisterschaft also alle Augen auf das winzige Uruguay gerichtet sind, würde ihm dies einen festen Platz auf der Landkarte sichern – vorausgesetzt, es wird für alle ein großes Fest. Der Regierung passten diese Gedankenspiele perfekt ins Konzept, zumal die WM auch mit Uruguays Hundertjahrfeier zusammenfiel. Immerhin wurde das Land damals oft als „Wohlfahrtsstaat“ bezeichnet, und die politischen Verhältnisse waren im Gegensatz zu vielen Mitbewerbern stabil. „Das Votum der FIFA für Uruguay resultierte aber letztlich eher aus Angst vor der Blamage, falls das Weltturnier gänzlich ausfallen würde.“
Olympioniken als Vorreiter
Die Bestrebungen, ein Turnier für die besten Nationalmannschaften zu installieren, reichten bis an den Anfang des 20. Jahrhunderts zurück. Bereits im Zuge der zweiten FIFA-Versammlung im Jahr 1905 (die FIFA wurde am 21. Mai 1904 aus der Taufe gehoben) brachte der Fußballpionier Anton Willem Hirschmann erstmals einen solchen Vorschlag ein (die WM sollte in der Schweiz stattfinden), der jedoch rasch wieder in den Hintergrund rückte. Im Jahr 1908 begann die große Ära der Fußballturniere bei den Olympischen Spielen. Von Turnier zu Turnier stiegen nicht nur das Teilnehmerfeld, sondern auch der Zuschauerzuspruch, sodass die Olympischen Spiele bald zum wichtigsten internationalen Fußballbewerb avancierten.
Im Jahr 1924 übernahm die FIFA schließlich die Organisation des olympischen Fußballturniers. Ganze 22 Nationen – darunter erstmals auch Teams aus Übersee – nahmen an dem Großereignis in Paris teil, das im Schnitt eine fünfstellige Besucherzahl anzog. Mit Uruguay traf eine Mannschaft aus Südamerika erstmals in einem offiziellen Wettbewerb auf europäische Vertreter. Die ballaffinen „Urus“ lehrten ihren jeweiligen Kontrahenten eine neue Spielweise, die stark von der englischen Schule abwich und vielmehr Ballgefühl, Individualismus und Improvisationsgeist in den Vordergrund rückte. Die Europäer leisteten sich bei diesem Turnier einen kapitalen Eigenfehler, indem sie die „Celeste“, wie die uruguayische Nationalmannschaft genannt wird, schlicht nicht ernst nahmen – zu wenig war man mit dem Spielgeschehen in Übersee vertraut. Die Krönung war der Finalsieg über Schweden. Die Regierung in Uruguay ließ es sich daraufhin nicht nehmen, einen nationalen Feiertag zu erklären. Aus dieser Machtdemonstration der „Urus“ resultierte ein regelrechter Massenspielverkehr zwischen Teams aus Europa und Südamerika.
Fußball bei Olympia stand 1924 und 1928 auf seinem Höhepunkt vor dem Zweiten Weltkrieg. Doch 1928 in Amsterdam prallten bereits das olympische Amateurstatut und die sich ausdehnende Professionalisierung des Fußballs in Europa aufeinander und sorgten für große Spannungen, was die Teilnahme einiger prominenter Nationen verhinderte. Der Trend in Richtung Südamerika war spätestens bei diesem Turnier unmissverständlich: Nun standen sich mit Uruguay und Argentinien gleich zwei Vertreter des Kontinents im Endspiel gegenüber. Die „Celeste“ verteidigte den Titel erfolgreich.
Das olympische Fußballturnier erfuhr nun, bedingt durch das wachsende Profitum, eine große Entwertung – die Rufe nach einem eigenständigen WM-Turnier, an dem sowohl Profis wie auch Halbprofis bzw. Amateure mitmischen konnten, wurden lauter. Am 28. Mai 1928 – rund ein Jahr vor der Vergabe des Turniers an Uruguay – beschloss der FIFA-Kongress mit großer Mehrheit, ab 1930 alle vier Jahre ein Weltturnier auszutragen (bereits 1924 hatte man dazu ein eigenes Planungskomitee ins Leben gerufen).
Europa in Unterzahl
Der erfolgreiche Beschluss war eine Sache, die Planung sowie Organisation die andere. Wo sollte das Turnier überhaupt stattfinden? Wer sollte teilnehmen? Wie stand es um die Finanzierung? Haufenweise Seiten voller Fragen galt es, nach und nach abzuarbeiten und sinnvoll zu beantworten. An oberster Stelle stand jedoch die Klärung, wo diese Weltmeisterschaft überhaupt stattfinden sollte. Umgehend lagen einige Bewerbungen europäischer Nationen auf dem Tisch, die jedoch allesamt „halbherzig“ ausfielen. Der einzige Anreiz, die WM im eigenen Land auszutragen, lag für die meisten Bewerber im ökonomischen und vor allem propagandistischen Wert. Fußballexperten der damaligen Zeit gingen stark von Österreich oder Deutschland aus. Diese Gerüchte wurden jedoch prompt unter den Tisch gekehrt. Von manchen Seiten kam auch der Vorschlag, die erste Phase des Wettbewerbs in verschiedenen Regionen und nur die Endspiele in einem Land auszutragen. Doch auch diese Gedankenspiele lösten sich rasch in Luft auf. Die Bewerber hießen also Spanien, Niederlande, Schweden, Ungarn, Italien und Uruguay, dem die schlechtesten Chancen eingeräumt wurden. Sogar das Vertrauen der FIFA in die organisatorischen Fähigkeiten der Südamerikaner war zunächst gering. Doch bei genauerem Hinsehen waren die „Urus“ bei weitem der engagierteste Bewerber. Große Pläne für die Organisation und Infrastruktur wurden vorgelegt, mit denen die europäischen Mitstreiter schlicht nicht mithalten konnten oder wollten. Letztlich, als der Tag der Entscheidung zu Pfingsten 1929 kam, waren nur mehr Uruguay und die Niederlande im Rennen. Doch nachdem sich sogar der Präsident des argentinischen Fußballverbands für den vermeintlichen Erzfeind verbürgte, stand das Urteil fest: Die erste Weltmeisterschaft wird in Uruguay stattfinden.
Das war ja alles schön und gut, aber nun galt es für die FIFA, Teilnehmer zu motivieren und mobilisieren. So etwas wie eine Qualifikation gab es nicht – teilnehmen konnte de facto jeder, der wollte. Neben Gastgeber Uruguay meldeten sich rasch sechs weitere Vertreter Südamerikas – es sollte die erste und einzige WM werden, an der mehr amerikanische Nationen als europäische teilnahmen. Namentlich waren das Argentinien, Brasilien, Paraguay, Bolivien, Peru und Chile. Aus Nord- und Mittelamerika gesellten sich Mexiko und die USA hinzu. Somit standen die Veranstalter zwei Monate vor dem Turnier bei neun Startern. In Europa reagierte man auf das Ereignis nicht ganz zu Unrecht mit Desinteresse bis Ablehnung und wollte von einer WM-Teilnahme im Handumdrehen nichts mehr wissen.
Immerhin würde sich die finanziell äußerst aufwendige Reise in die Ferne nicht auszahlen, da ursprünglich ein K.-o.-System geplant war und die europäischen Vertreter nicht nach nur einer einzigen Partie wieder ihre Koffer packen wollten – so die Argumentationslinie. Hinzu kam das ungewohnte Klima. Von den damals großen Fußballnationen Österreich, Deutschland, Niederlande, Sowjetunion, Tschechoslowakei, Ungarn, Italien, Spanien und Schweden kam ein klares Nein. Den Engländern war die Absage gerade einmal zwei Zeilen wert, die keine Begründung enthielten. Worauf der Veranstalter mit Reisesubventionen und dem Beschluss einer Gruppenphase – sprich mindestens zwei Begegnungen – reagierte. Doch die Europäer wollten mehr, sodass die Verhandlungen irgendwann ins Stocken gerieten. Besonders erbost gab man sich in Uruguay über die Absage der Niederländer – zwei Jahre zuvor hatten die südamerikanischen Anhänger noch deren Stadien und zugleich Kassen gefüllt. „Eine aufgebrachte Menschenmenge zog vor die niederländische Botschaft, verbrannte niederländische Fahnen und skandierte Schmährufe gegen die niederländische Königin.“
Gemeinsame Anreise
Zum Glück gab es da noch FIFA-Gründungsland Frankreich, Rumänien, Jugoslawien und Belgien, die zunächst allesamt unentschlossen waren. Schließlich gelang es dem damaligen FIFA-Präsidenten Jules Rimet (im Amt von 1921 bis 1954) doch noch, die vier Unsicheren zu überreden. Rumänien erwies sich dabei als Sonderfall. Der damalige Präsident Carol II. erklärte die WM-Teilnahme seines Landes zur Chefsache: Den Kader nominierte er höchstpersönlich und sorgte dafür, dass seine Kicker von ihren jeweiligen Arbeitgebern für die Zeit des Turniers freigestellt wurden. Der rumänische König galt allgemein als großer Sportfan und förderte diesen in seinem Land großzügig. „Eine seiner ersten Amtshandlungen bestand im Erlass einer Amnestie für alle suspendierten rumänischen Fußballer.“
Die Europäer traten die Reise gemeinsam an. Am 30. Juni 1930 verließ der italienische Dampfer „Conte Verde“ den Hafen der französischen Stadt Villefranche-sur-Mer. Zunächst befanden sich nur die Auswahlteams aus Jugoslawien, Frankreich sowie Rumänien an Bord, zudem der legendäre Schiedsrichter John Langenus, der damals auch für den „Kicker“ Spielberichte schrieb, und einige ungarische Fischer. Drei Tage später hielt der Dampfer in Barcelona, wo man die belgische Mannschaft samt Jules Rimet, der den Pokal mit sich trug und diesen im Schiffssafe einschloss, aufsammelte. Auf der zehntägigen Überfahrt trainierten die Fußballer auf dem Achterdeck des Schiffs. Als die Reisegruppe in Rio de Janeiro Halt machte, zündeten brasilianische Fans tausende von Fackeln. Auch als man in Uruguay eintraf, wurde sie von der heimischen Bevölkerung „enthusiastisch begrüßt“.
Aber nun zurück zu diesem historischen 13. Juli 1930, als der Franzose Lucien Laurent seine Nation nach 19 gespielten Minuten in Führung brachte. An diesem verschneiten Tag wohnten dem allerersten WM-Spiel zwischen Mexiko und Frankreich kaum mehr als 4.000 Zuseher bei. Das Gründungsland der FIFA gewann schließlich noch mit 4:1. Lucien Laurent selbst schilderte den Umstand, dass er das erste WM-Tor aller Zeiten erzielte, wie folgt: „Nach meinem Tor, dem ersten des Turniers und gleichzeitig meinem ersten für die französische Nationalmannschaft, haben wir uns gegenseitig gratuliert, aber wir sind uns nicht in die Arme gesprungen, wie man es heute im Fußball oft macht (…) aber keiner hatte realisiert, dass ich Geschichte gemacht hatte. Ein kurzer Händedruck, das war’s, und schon ging’s weiter.“ Laurent (Jahrgang 1907) verstarb im Jahr 2005 im hohen Alter von 97 Jahren und konnte somit noch den ersten WM-Titel seiner Franzosen im Jahr 1998 miterleben.
Estadio Centenario: Der „Fußball-Tempel“
Eigentlich hätte dieses historische erste Spiel der Fußball-WM nicht im Estadio Pocitos, sondern im eigens für die WM gebauten Estadio Centenario stattfinden sollen, das jedoch zum Zeitpunkt der Eröffnung noch nicht komplett fertiggestellt war. Dass während des Großereignisses doch noch zehn Spiele in der „Riesenschüssel“ ausgetragen wurden, grenzte nahezu an ein Wunder, wenn man bedenkt, dass die Bauarbeiten erst im Februar (!) 1930 begannen. Die Architekten und Bauarbeiter waren damals ungemütlichen Witterungsbedingungen ausgesetzt – über 100 Tage regnete es konstant. Wäre das nicht so gewesen, hätte die Eröffnungsfeier wohl dort stattfinden können. Das Centenario-Stadion, das an die Architektur des Kolosseums in Rom erinnert, wurde für 1,6 Millionen Mark aus dem Boden gestemmt. 160.000 Kubikmeter Erde und 14.000 Kubikmeter Stahlbeton wurden verbaut. Die drei Tribünen hießen „Colombes“, „Amsterdam“ und „Montevideo“ – die ersten beiden aufgrund der Olympiasiege und die dritte wegen des erwarteten WM-Titels.
Als Jules Rimet, der als „Vater der Weltmeisterschaft“ gepriesen wird, das Centenario, das er selbst als „Tempel des Fußballs“ bezeichnete, zum ersten Mal aus nächster Nähe betrachtete, fiel er beinahe in Ohnmacht: „Als sie mir von dem großen Centenario-Stadion erzählten, dachte ich, es würde eines von den vielen sein, die ständig gebaut werden. Aber als ich es sah und mir selbst ein Urteil bilden konnte, kam ich zu dem Schluss, dass es die Nummer Eins der Welt ist (…) Es gibt größere Stadien in anderen Ländern, aber die sind für alle Sportarten ausgelegt, so dass ich nicht übertreibe, wenn ich sage, dass es das beste der Welt ist, das ausschließlich für Fußball angelegt ist (…) Fußball sollte ganz nah gesehen werden können, um ihn im Ganzen richtig einschätzen zu können, und im Centenario-Stadion kann man das Spiel von jedem Standort aus verfolgen.“
Die ersten Partien mussten also in den Stadien der Hauptstadtvereine Peñarol und Nacional ausgetragen werden. Fünf Tage nach der Eröffnung, am 18. Juli, durfte das gigantische Centenario-Stadion schließlich auch erstmals WM-Luft schnuppern. Eingeweiht wurde der „Fußball-Tempel“ mit der Partie zwischen Gastgeber Uruguay und Peru. Das erste Tor erzielte Hector „Linker“ Castro beim 1:0-Erfolg der „Celeste“ vor einer atemberaubenden Kulisse von 100.000 Zusehern – es herrschten „chaotische Zustände“. Im krassen Gegensatz dazu stand ein weiteres Match der dritten Gruppe zwischen Peru und Rumänien: Nur etwa 300 Besucher wollten diese Partie miterleben und sorgten damit bis heute für einen WM-Minusrekord.
Massenschlägerei und frühzeitiger Abpfiff
Als Favorit auf den Premierensieg wurde der Gastgeber gehandelt, auch wenn einige der besten Kicker ihren Zenit bereits weit überschritten hatten. Der „Albiceleste“, wie die Nationalmannschaft Argentiniens genannt wird, waren ebenfalls gute Karten eingeräumt worden. Doch die argentinischen Kicker waren bei der WM im Nachbarland keinen leichten Rahmenbedingungen ausgesetzt. Stets stellten sich die uruguayischen Fans hinter den jeweiligen Gegner der „Albiceleste“ und provozierten bei deren Aufeinandertreffen mit Chile eine handfeste Massenschlägerei, an der sowohl Spieler als auch Anhänger beteiligt waren. Auf der anderen Seite hatten die Argentinier das nötige Glück nicht selten auf ihrer Seite. So bekam die Mannschaft im Match gegen Mexiko gleich fünf Elfmeter zugesprochen. Obendrein erwies sich eine absurde Schiedsrichterentscheidung zugunsten des Olympiafinalisten von 1928. Im Duell gegen Frankreich pfiff der brasilianische Schiedsrichter Almeida Rego (von ihm wird später noch die Rede sein) die Partie sechs Minuten vor dem eigentlichen Ende ab – offenbar hatte er genug gesehen. Argentinien führte zu diesem Zeitpunkt mit 1:0, doch der Franzose Marcel Langiller stürmte in diesem Moment ganz alleine auf den Kasten des Gegners zu. Entsprechend wütend waren die Kicker der „Equipe Tricolore“ auf den Unparteiischen. Als dieser sich seines Fehlers bewusst wurde, pfiff er die Begegnung wieder an, aber nun passierte nichts mehr. Nach Spielende kam es erneut zu tumultartigen Szenen.
Die „Albiceleste“ gewann ihre Gruppe trotz allem souverän vor Chile, Frankreich und Mexiko. Gruppe zwei konnte von den Kickern aus Jugoslawien gewonnen werden, wodurch sie den einzigen europäischen Vertreter im Halbfinale stellten. Die Mannschaft setzte sich vor der späteren Fußball-Weltmacht Brasilien, das damals in ballesterischer Hinsicht jedoch noch von Chaos gekennzeichnet war, und Bolivien durch. Gastgeber Uruguay und die USA setzten sich ohne ein einziges Gegentor gegenüber Rumänien und Peru bzw. Paraguay sowie Belgien durch.
Halbfinale: Polizei schießt Tor und Schiri Langenus mit Koffer attackiert
Im Halbfinale standen wieder einmal die Schiedsrichter im Vordergrund. Uruguay fertigte Jugoslawien, das mit sieben ehemaligen Profi-Legionären aus Frankreich auflief, mit 6:1 ab – immerhin erhielt die „Celeste“ ihren ersten Gegentreffer. Für ein Kuriosum sorgte abermals der brasilianische Schiedsrichter Almeida Rego, indem er den Führungstreffer des Gastgebers als gültig wertete, obwohl der Ball zuvor bereits im Out war und nur durch den Pistolenschuss eines Polizisten im Gehäuse landete. Beim klaren 6:1 Argentiniens über die US-Boys, deren Mannschaft sich größtenteils aus englischen sowie schottischen „Professionals“ zusammensetzte, wurde es einer von vielen Anekdoten dieser Weltmeisterschaft zufolge ebenso absurd. „So erzählt man sich die herrliche Geschichte des Mannschaftsbetreuers der USA, der beim Spiel gegen Argentinien wutentbrannt in Richtung des belgischen Schiedsrichters John Langenus lief. Drohend streckte er dabei das Köfferlein mit den Medikamenten in die Luft. Das wollte der Betreuer dem Schiri auf den Kopf hauen. Doch genau in dem Moment, in dem er zur Tat schreiten wollte, öffnete sich plötzlich der Verschluss des Koffers und der komplette Inhalt fiel zu Boden. Der Betreuer stoppte und sammelte die Gegenstände ein. Kurze Zeit später lag er bewusstlos auf dem Platz. Er hatte sich selbst schachmatt gesetzt: Beim Aufschlag auf den Rasen hatte sich ein Fläschchen mit Chloroform geöffnet und den Betreuer abrupt beruhigt.“
„Celeste“ contra „Albiceleste“: Eine „Massenhysterie“ bricht aus
Nach Bekanntwerden des Endspiels brach in den beiden Hauptstädten, Montevideo und Buenos Aires, eine regelrechte „Massenhysterie“ aus. Tickets der berühmten River-Plate-Fähre, die jeden Tag tausende argentinische Anhänger nach Uruguay brachte, gingen weg wie warme Semmeln. Zehntausende stellten sich bei den Büros der Fahrgesellschaften vergeblich an. Immer wieder erklommen die Fans der „Albiceleste“ Kräne und skandierten „Argentina sí, Uruguay no – victory or death“. Als die Fähren in Montevideo eintrafen, wurden die Gäste – der höflichen Bitte des Final-Schiedsrichters John Langenus zufolge – umgehend auf Revolver durchsucht. Vor dem Stadioneinlass mussten sich die Besucher nochmals einer Leibesvisitation unterziehen. Auf der anderen Seite stand die argentinische Mannschaft Tag und Nacht unter strengstem Polizeischutz. „Rund um das Stadion waren Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten positioniert.“ Langenus ging trotz all dieser Maßnahmen auf Nummer sicher: Im Hafen wartete ein Boot, um ihn notfalls in Sicherheit zu bringen.
Ein Sieg für die Ewigkeit
Alles war angerichtet und beide Teams standen auf dem Feld. Da galt es noch schnell die Wahl des Spielballs zu klären, da beide Nationen auf eigene Modelle bestanden. Letztlich einigte man sich darauf, in Halbzeit eins mit der argentinischen und im zweiten Abschnitt mit der uruguayischen Kugel zu kicken. Nach zwölf Minuten wurde es erstmals so richtig laut im Stadion – der Gastgeber erzielte den Führungstreffer. Doch die „Albiceleste“ reagierte prompt mit einem Doppelschlag – unter anderem durch Guillermo Stábile, genannt „El Filtrador“, der sich mit seinen acht Treffern während des Turniers zum ersten WM-Torschützenkönig kürte und dafür auch noch von Diego Maradona Anerkennung fand. Mit diesem Ergebnis ging es auch in die Kabinen. Dabei wurde die Auswahl Uruguays, der es an der gewohnten Leichtfüßigkeit mangelte, wüst beschimpft und es herrschte ein grelles Pfeifkonzert. Abgesehen davon blieb es auf den Tribünen ohne nennenswerte Zwischenfälle.
Am Finaltag blickte alles gespannt nach Montevideo, wo sich die „Celeste“ und die „Albiceleste“, wie schon im Endspiel der Olympischen Spiele 1928, gegenüberstanden. Das Centenario-Stadion – beim Finale waren als Reaktion auf die vorangegangenen Ereignisse nur 90.000 Zuschauer zugelassen – öffnete seine Tore bereits um acht Uhr morgens, der Anpfiff erfolgte erst um 14:00 Uhr. In Buenos Aires stand nahezu alles still. Firmen und Supermärkte blieben geschlossen. Auf öffentlichen Plätzen – allen voran vor den Redaktionen der Zeitungen – versammelten sich über 50.000 Besucher, um das Geschehen im Nachbarland via Lautsprecher zu verfolgen. Zur Erinnerung: Das Endspiel fand am Mittwoch, den 30. Juli, statt.
Nach Seitenwechsel spielte Argentinien locker weiter und sah wie der künftige Weltmeister aus. Doch Uruguay raffte sich auf und schaffte den Turnaround, der in der 89. Spielminute – Argentinien spielte zu diesem Zeitpunkt nur mehr zu acht – durch das Entscheidungstor von Héctor Castro, der exakt an diesem Tag vor 13 Jahren seinen Unterarm verlor, den Deckel draufmachte. Die „Celeste“ setzte sich dadurch mit 4:2 durch und kürte sich im eigenen Land zum ersten Weltmeister der Geschichte. Dieser historische Triumph war ein großer Verdienst des uruguayischen Starkickers José Leandro Andrade, der trotz seiner offensiven Position auch stets in der Verteidigung aushalf. In der Gruppenphase gelang ihm ein 75-Meter-Solo, wobei er gleich sieben Gegenspieler alt aussehen ließ und dann trocken einnetzte. „Die europäischen Journalisten waren erstaunt darüber, dass ein Schwarzer so gut Fußball spielen konnte.“
Uru-Kapitän José Nasazzi war der erste von insgesamt neun Mannschaftsführern, die das Privileg hatten, die 23 Zentimeter große Jules-Rimet-Trophäe in die Höhe zu stemmen. Unterdessen spielten sich in Buenos Aires unschöne Szenen ab: Das uruguayische Konsulat wurde mit Flaschen und Steinen beworfen – erst als die Polizei Warnschüsse abgab, löste sich das Getümmel auf. Der argentinische Kicker Francisco Varallo, wegen seiner zahlreichen Tore auch Cañoncito („die kleine Kanone“) genannt, resümierte das Finale wie folgt: „Wir hatten eine großartige Mannschaft (…) Die Uruguayer waren erfahrener, sie haben uns besiegt, weil sie die größeren Machos waren. Wir hatten am Ende keine Chance. Sie hätten auch 8:2 gewinnen können (…) Wir waren nur noch zu zehnt und dann fielen noch zwei meiner Mitspieler mit Verletzungen aus. Auswechslungen gab es damals noch nicht, und zu acht waren wir chancenlos.“
Das Vermächtnis
Was blieb nun von dieser kuriosen und furiosen ersten Fußball-WM? Dem Gastgeberland blieb allen voran ein voller finanzieller und sportlicher Erfolg. Zudem sicherte sich Uruguay spätestens an diesem 30. Juli 1930 einen festen und nicht wegzudenkenden Platz auf der Landkarte – jedem war dieses kleine Land, das ein solch großes Event auf die Beine stellte, nun ein Begriff. Für viele Vereinsmannschaften zählten Südamerika-Tourneen künftig zum jährlichen Fixprogrammpunkt.
Die WM veränderte das Klima im Weltfußball und stärkte den sportlichen Nationalismus, woraus die steigende Popularität des Wettbewerbs resultierte. Die Idee international organisierter Länderkämpfe hatte sich durchgesetzt, und der Professionalismus erhielt eine größere Bedeutung. Die WM wollte „durch internationale Begegnungen vor allem nationale Vorurteile abbauen und Völkerfreundschaften schmieden. Doch in der Realität diente der Fußball vor allem bei internationalen Wettbewerben immer stärker dazu, nationale Identitäten zu verstärken und die Überlegenheit ‚nationaler Eigenschaften‘ zu demonstrieren.“
Titelbild: dpa
