Am Dienstag, den 9. September, gastiert Österreichs Fußball-Nationalmannschaft in Bosnien. Die rot-weiß-rote Auswahl ist gewarnt: Der Gastgeber gewann bisher all seine vier Qualifikationsspiele und strahlt somit von der Tabellenspitze – und diese will der Gegner keinesfalls aus den Augen verlieren. Bosniens Ass im Ärmel ist das kleine und enge Bilino-Polje-Stadion. Scheiberlspiel.at nimmt die traditionsreiche Spielstätte unter die Lupe.
Seit September 2021 trägt die bosnisch-herzegowinische Fußballnationalmannschaft ihre Heimspiele ausschließlich im Bilino Polje in Zenica aus – ein wahrer Hexenkessel mit bewegter Geschichte, der den Bosniaken zu ihren größten fußballerischen Erfolgen als eigener Staat verhalf. Bereits im Jahr 1995 war das Stadion Schauplatz der allerersten Begegnung des bosnischen Nationalteams. Seitdem erlebte der nun für 13.600 frenetische Fans zugängliche Platz Sternstunden des heimischen Fußballs. Prominente Kontrahenten wie Portugal, Spanien, Norwegen oder Belgien mussten in Zenica entweder ein Remis hinnehmen oder gar als Verlierer abreisen. Auch die österreichische Auswahl verlor 2018 im Bilino Polje, das als „Fluch“ für ausländische Nationalmannschaften gilt, mit 0:1.
Die Stadt Zenica liegt rund 70 Kilometer nördlich der Hauptstadt Sarajevo und zählt zu den wichtigsten Zentren der historischen Region Bosnien. Umgeben wird die im Bosna-Tal liegende Industriestadt, die für ihre Stahlproduktion bekannt ist, vom bewaldeten Mittelgebirge der Dinariden, wodurch ein besonderer „Ost-Charme“ entsteht.
Besonders stolz sind die rund 115.000 Einwohner Zenicas, das während des Bosnienkrieges von 1992 bis 1995 eine zentrale Rolle bei der Aufnahme von Flüchtlingen spielte, auf den lokalen Fußballverein NK Čelik, der Mitte 1945 von einer Gruppe von Veteranen des Zweiten Weltkriegs ins Leben gerufen wurde. Čelik bedeutet auf Bosnisch so viel wie „Stahl“ und symbolisiert die kollektive Stärke und Kraft der gesamten Region. Der Klub erlebte zwei Blütezeiten: In der Jugoslawien-Ära gewann man 1971 und 1972 zweimal hintereinander den Mitropacup und avancierte Mitte der 90er in Bosnien zum Serienmeister. Anschließend gerieten die Rot-Schwarzen in finanzielle Turbulenzen und konnten nur durch ihre treuen Anhänger, die 1988 gegründeten „Robijaši“ (auf Deutsch „die Verurteilten“), gerettet und erhalten werden. Seit drei Jahren spielt der Verein nun wieder in der zweithöchsten Spielklasse Bosniens.
Zurück zum Stadion: Es wurde im Jahr 1972 innerhalb von sechs bis acht Monaten erbaut und fertiggestellt, um der Bevölkerung neue Beschäftigungsmöglichkeiten zu geben. Der jugoslawische Erstligist Čelik lief damals vor bis zu 33.000 Besuchern auf. Die neu formierte bosnische Nationalmannschaft blieb von 1995 bis Oktober 2006 im Bilino-Polje-Stadion ungeschlagen.
Heutzutage ist vieles anders. 2013 wurde die Spielstätte letztmals renoviert, und die Kapazität halbierte sich auf „nur“ 13.600. In diesen Zeitraum fiel auch die erfolgreichste Ära der bosnischen Nationalmannschaft. Unter Coach Safet Susić, der das Team 2009 übernahm, qualifizierte man sich erstmals für die Endrunde der Fußball-Weltmeisterschaft. Vedad Ibišević und Edin Džeko stellten mit ihrem unstillbaren Torhunger damals nahezu alles in den Schatten und schossen ihr Land vor Griechenland und der Slowakei zur WM 2014 in Brasilien. In der Qualifikation trug die Auswahl all ihre Heimspiele im Bilino Polje aus, was die Basis für die langersehnte Teilnahme legte.
Von der erfolgreichen Mannschaft von damals sind nur mehr wenige Akteure im aktuellen Aufgebot vertreten. Doch einer davon ist Bosniens Rekordspieler und -torschütze Edin Džeko, der es den Österreichern garantiert nicht einfacher machen wird. Džeko ist übrigens einer der größten Befürworter des Stadions in Zenica, da es – im Gegensatz zu den meisten bosnischen Stadien, wie etwa in Banja Luka – über keine störende Laufbahn verfügt und die Fans daher noch mehr Einfluss auf das Spielgeschehen haben. Die ersten beiden Heimspiele gewann Bosnien bereits im Bilino Polje. Auch die deutsche Nationalmannschaft staunte – entgegen ihrer sonstigen infrastrukturellen Gewohnheiten – im Hexenkessel von Zenica nicht schlecht. Mit Mühe und Not gelang der Elf von Julian Nagelsmann damals ein 2:1-Erfolg. Bosniens Stuttgart-Legionär Ermedin Demirović warnte seine deutschen Kollegen vor dem Spiel: „Es wird sich für euch wie eine andere Sportart anfühlen.“ Die Österreicher wird ebenso eine andere Welt erwarten – vielleicht braucht es ja genau das, damit die Mannschaft wieder zur Höchstform aufläuft.
| Österreich | Bosnien | |
|---|---|---|
| Siege/Remis/Niederlagen im direkten Duell | 1, 3, 1 | 1, 3, 1 |
| FIFA Weltrangliste | 22. Platz | 72. Platz |
| Gesamtmarktwert | ca. 210 Mio. € | ca. 81 Mio. € |
| Rekordspieler | Marko Arnautovic (125) | Edin Džeko (141) |
| Rekordtorschütze | Toni Polster (46) | Edin Džeko (68) |
| Erstes Länderspiel | 12. Oktober 1902: gegen Ungarn 5:0-Sieg | 30. November 1995: gegen Albanien 0:2-Niederlage |
| Höchster Sieg | 30. April 1977: gegen Malta 9:0 | 7. September 2012: gegen Liechtenstein 8:1 |
| Höchste Niederlage | 8. Juni 1908: gegen England 1:11 | 16. November 2024: gegen Deutschland 0:7 |
| WM-Teilnahmen | 8 | 1 |
| Erste WM-Teilnahme | 1934 | 2014 |
| WM-Erfolge | 3. Platz 1954 | Gruppenphase 2014 |
| EM-Teilnahmen | 4 | / |
| Erste EM-Teilnahme | 2008 | / |
| EM-Erfolge | Achtelfinale 2021, 2024 | / |
| Nationaler Fußballervband | ÖFB | NFSBIH |
| Gründung nationaler Verband | 1904 | 1992 |
| FIFA-Beitritt | 1905 | 1996 |
| UEFA-Beitritt | 1954 | 1998 |
| Trainer (im Amt seit) | Ralf Rangnick (Juni 2022) | Sergej Barbarez (April 2024) |
Foto: tripadvisor
