Am 8. August wird Herbert Prohaska, Österreichs Jahrhundert-Fußballer, 70 Jahre alt. „Schneckerl“, wie er gerufen wurde, gehörte den großen Austria-Wien-Mannschaften der 1970er- und 1980er-Jahre an und wurde zudem von Inter Mailand als erster ausländischer Kicker unter Vertrag genommen. Auch im Nationalteam glänzte er und nahm an den Weltmeisterschaften 1978 sowie 1982 teil. Als Teamchef führte er den ÖFB zu seiner bisher letzten WM-Teilnahme im Jahr 1998. Ein Blick zurück auf die ruhmreiche Karriere von Herbert Prohaska – alles Gute zum 70er!
Nach Beendigung seiner aktiven Karriere dauerte es kein ganzes Jahr, bis Herbert Prohaska erstmals das Trainerzepter schwang. Bei der Wiener Austria, für die er es in 13 gesamten Spielzeiten auf knapp 600 Einsätze brachte, löste er seinen letzten Coach Erich Hof an der Seitenlinie ab und feierte am 1. April 1990 mit einem 3:0-Erfolg gegen die Vienna sein Debüt. Die Violetten befanden sich damals hinter dem von Ernst Happel betreuten FC Tirol auf dem zweiten Tabellenplatz, zudem waren sie im Cup noch vertreten. Bis zum Ende der Saison festigte Prohaska den Vizemeistertitel und führte seine Mannschaft, die unter anderem durch Ralph Hasenhüttl, Manfred Schmid und Thomas Flögel verstärkt wurde, ins Pokalfinale. Dort kam es nicht nur auf dem Feld zu einem packenden Duell, sondern insbesondere auf den Trainerbänken: Herbert Prohaska traf auf Hans Krankl – als Spieler prägten sie gemeinsam die Ära rund um Córdoba 1978. Der „Goleador“ trainierte Rapid seit 1989. Erst in der 82. Minute fiel durch Jan Åge Fjørtoft der erste Treffer der Partie. Wenige Augenblicke vor Abpfiff erzielte Andreas Ogris den vielumjubelten Ausgleich für die „Veilchen“. In der Verlängerung sorgten Neuzugang Hasenhüttl und Peter Stöger für klare Verhältnisse und bescherten der Austria den insgesamt 20. Cupsieg.
In den folgenden zwei Spielzeiten formte „Schneckerl“ seine Austria wieder zum Nonplusultra im heimischen Fußball. Der ÖFB-Supercup ging mit einem deutlichen 5:1 an die Wiener, die bereits früh in der Saison 1990/91 ihre Marschrichtung vorgaben. Während die Mannschaft in der dritten Runde des ÖFB-Cups am Wiener Sportclub sowie im Achtelfinale des Cups der Cupsieger an Juventus Turin scheiterte, war sie in der nationalen Meisterschaft nicht zu bremsen. In der Endabrechnung stand die Austria vor dem FC Tirol an der Tabellenspitze und sicherte sich ihren 18. Titel in der Vereinsgeschichte. Prohaska hatte mit der Meisterschaft, dem Cup sowie dem Supercup in nicht einmal zwei gesamten Spielzeiten bereits alles gewonnen, was es im österreichischen Fußball zu gewinnen gibt.
Das Sahnehäubchen einer erfolgreichen Prohaska-Amtszeit bei der Wiener Austria folgte jedoch erst in der Saison 1991/92. Der erste Schritt dazu war der Triumph im Supercup. Im Europapokal der Landesmeister hingegen war bereits in Runde eins Endstation – Arsenal London war eine Nummer zu groß. Immerhin: Das Rückspiel konnten die Wiener mit 1:0 für sich entscheiden. In der Meisterschaft waren die „Veilchen“ abermals das Maß aller Dinge und setzten sich am Ende knapp vor dem Namensvetter aus Salzburg, der mit Fortdauer der 1990er-Jahre zu einem immer größeren Kontrahenten avancierte, an der Tabellenspitze durch. Auch im Cup lief es hervorragend: Nach einem fulminanten 6:0 über Austria Salzburg und einem 5:1 über den GAK besiegelte im Endspiel das Goldtor von Valdas Ivanauskas das nationale Triple der Hauptstädter.
Nach der Saison wurde „Schneckerl“ bei der Austria vom früheren Erfolgstrainer Hermann Stessl abgelöst und übernahm in der Folge beim U21-Nationalteam das Kommando. Insgesamt stand er bei vier Spielen an der Seitenlinie. Sein Debüt gab er am 18. August 1992 im Zuge eines Freundschaftsspiels gegen die Tschechoslowakei, das 1:1-Unentschieden endete. Unter seinen Schützlingen befanden sich spätere heimische Fußballgrößen wie etwa Roman Mählich, Günther Neukirchner, Martin Hiden, Harald Cerny und Christian Mayrleb. Es folgte eine 0:2-Pleite gegen Portugal, das einen gewissen Rui Costa in seinen Reihen hatte, sowie zwei hohe Niederlagen gegen Israel und Frankreich in der EM-Qualifikation.
Mit Jahresbeginn 1992 hatte der große Ernst Happel die österreichische Nationalmannschaft übernommen, obwohl er immer verkündete: „Ich bin Patriot, aber kein Idiot.“ Nur elf Monate später starb die wohl größte österreichische Fußballpersönlichkeit aller Zeiten an den Folgen von Lungenkrebs. Dietmar „Didi“ Constantini übernahm als Interimstrainer und wurde zu Jahresbeginn 1993 von „Schneckerl“ Prohaska abgelöst. Österreich befand sich mitten in der Qualifikation für die WM in den USA. Unter dem „Wödmasta“ hatte der ÖFB ein Spiel gewonnen und eines verloren. Prohaska debütierte schließlich am 27. März 1993 beim Quali-Spiel gegen die starken Franzosen, in dem man mit 0:1 verlor. In der Endabrechnung kam das Nationalteam in einer äußerst herausfordernden Gruppe mit Schweden, Bulgarien, Frankreich, Finnland sowie Israel nicht über einen vierten Platz hinaus und verpasste damit das Großereignis in den Vereinigten Staaten. Für die Qualifikation zur EM 1996 galt Ähnliches – nur dass die Gruppe bei weitem nicht so schwer war. Der ÖFB feierte zwar tolle Achtungserfolge gegen Irland und Portugal, blieb aber letztlich zu inkonstant und erlaubte sich immer wieder gröbere Ausrutscher, was der Prohaska-Elf schließlich die Teilnahme verwehrte.
Der 31. August markierte den Auftakt zur bis heute letzten Fußball-Weltmeisterschaft mit rot-weiß-roter Beteiligung. Die Mannschaft um Michael Konsel, Toni Pfeffer, Wolfgang Feiersinger, Peter Schöttel, Didi Kühbauer, Andi Herzog und Toni Polster meisterte die Qualifikation in einer Gruppe mit Schottland, Schweden, Lettland, Estland und Belarus bravourös auf dem ersten Platz. Die Endrunde in Frankreich selbst blieb dann für die Österreicher ohne größere Glanzmomente. In der Gruppe zwang man Kamerun sowie Chile ein 1:1-Remis ab, hatte aber gegen den amtierenden Vizeweltmeister Italien mit 1:2 das Nachsehen, wodurch die Mannschaft auf dem dritten Tabellenplatz landete und sich nicht für das Achtelfinale qualifizierte. „Schneckerl“ Prohaska führte den ÖFB also durch seine bisher letzte Teilnahme an einer Weltmeisterschaft. Die drei damaligen Torschützen hießen Ivo Vastic, Andi Herzog und Toni Polster.
Prohaska blieb weiterhin Teamchef und begleitete seine Mannschaft noch in die EM-Quali. Doch nach der 0:9-Klatsche gegen Spanien in Valencia trat „Schneckerl“ von seinem Amt zurück. Zur Saison 1999/2000 folgte er bei der Wiener Austria seinem ehemaligen Mitspieler „Friedl“ Koncilia und fand eine nahezu vollkommen neue Mannschaft im Vergleich zur Spielzeit 1991/92 vor. In seiner letzten Saison als Trainer führte Prohaska seine „Veilchen“ ins Cup-Halbfinale und zum akzeptablen vierten Tabellenplatz in der Meisterschaft. Die 3:2-Cupniederlage gegen Austria Salzburg am 2. Mai 2000 markierte sein letztes Spiel im Trainergeschäft. Während seiner Trainerlaufbahn kam Prohaska auf 13 Wiener Derbys, doch die Bilanz fiel bei weitem nicht so gut aus wie noch in seiner aktiven Karriere: fünf Siege, zwei Remis, sechs Niederlagen. Er selbst gab zu: „Ich habe oft meine Teilnahme an Geburtstagsfeiern von sehr guten Freunden absagen müssen, damit ich ihnen nicht auch noch die Stimmung versaue.“
Heutzutage ist „Schneckerl“ beim Staatsfernsehen ORF als Analyst tätig. Sein lockiges Haar ist heller geworden und sein Schnurrbart seit der Weltmeisterschaft 2006 futsch. Damals ließ er ihn sich vor laufenden Kameras abrasieren, nachdem sein Favorit Italien das Turnier gewonnen hatte. Seine Verabschiedung „Gute Nacht!“ nach jeder Sendung hat mittlerweile Legendenstatus. „Im Land sorgen seine trockenen, mitunter holprig vorgetragenen Ausführungen für Erheiterung, vor allem beim jüngeren Publikum. Im Fernsehen ist Prohaska noch nie geschickt rübergekommen. Sein Haar ist kürzer und lichter geworden, aber die älteren Landsleute haben noch immer den begnadeten Alleskönner vor Augen, der die Kugel so streicheln konnte wie keiner mehr nach ihm. Vor allem in der Stadthalle.“ Herbert Prohaska ist auch als kritischer Beobachter der jüngeren Spielergeneration bekannt und führt nicht selten Vergleiche mit seiner aktiven Karriere an: „Wenn der Trainer damals gesagt hat, es gibt drei Trainingseinheiten, haben wir Spieler gesagt: Das ist zu wenig. Wir brauchen mindestens zehn (…) Heute fliegen die Spieler in die Karibik, damals war das nicht so. Wir waren ohnehin da und haben daher lieber in der Halle trainiert. Deswegen haben wir so gut gespielt – weil jeder gerne gespielt hat.“ Herbert Prohaska wurde im Jahr 2004 also verdientermaßen zu „Österreichs Fußballer des 20. Jahrhunderts“ gewählt. Doch: „Nur einer war mit der Wahl unzufrieden: Prohaskas Vater. Der hatte Sindelar noch spielen gesehen und reihte seinen Sohn hinter dem ‚Papierenen‘ ein.“
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