Am 8. August wird Herbert Prohaska, Österreichs Jahrhundert-Fußballer, 70 Jahre alt. „Schneckerl“, wie er gerufen wurde, gehörte den großen Austria-Wien-Mannschaften der 1970er- und 1980er-Jahre an und wurde zudem von Inter Mailand als erster ausländischer Kicker unter Vertrag genommen. Auch im Nationalteam glänzte er und nahm an den Weltmeisterschaften 1978 sowie 1982 teil. Als Teamchef führte er den ÖFB zu seiner bisher letzten WM-Teilnahme im Jahr 1998. Ein Blick zurück auf die ruhmreiche Karriere von Herbert Prohaska – alles Gute zum 70er!
Der 13. Februar 1959 markierte den Auftakt zu einer später nicht wegzudenkenden Wiener Tradition: Die Rede ist natürlich vom Stadthallenturnier, dessen Austragungsort der flache Betonbau am Vogelweidplatz im 15. Gemeindebezirk war. In der Hauptstadt ist man auf das im Volksmund schlicht „die Stadthalle“ genannte Turnier ganz besonders stolz, da es das erste seiner Art in Europa war und hier eine ganz besondere Form des Hallenfußballs gespielt wurde. Erfunden wurde das stets im Winter ausgetragene Turnier vom Sportjournalisten und Ex-Teamchef Josef „Pepi“ Argauer, um den Vereinen in der Nachkriegszeit eine zusätzliche Einnahmequelle zu verschaffen. Bei der Premiere im Jahr 1959 strömten an drei Tagen über 20.000 Zuschauer in die Stadthalle – Sieger war die Austria Wien, die schon früh ihre Dominanz und ihren technisch ausgereiften Spielstil in diesem Bewerb zum Besten gab.
Doch knapp 15 Jahre nach der erstmaligen Austragung stand dieses Kultturnier kurz vor dem Aus. Aber wie konnte das sein? Immerhin markierte die Stadthalle den Jahres-Höhepunkt für zahlreiche Fußballfans, und selbst der „Kaiser“ Franz Beckenbauer, der im Jahr 1971 mit seinen Bayern das Turnier gewann, war fest davon überzeugt: „Das Stadthallenturnier gehört zu Wien wie die Weißwurst zu München.“ Doch Austria und Rapid, deren direktes Duell für das Highlight jeder Auflage sorgte, hatten bereits mehrfach auf ihre Teilnahme verzichtet. Die Rettung kam schließlich von der Tageszeitung Kurier, die die Patronanz für das Turnier übernahm und Austria sowie Rapid umgerechnet jeweils 7.000 Euro für die Teilnahme zukommen ließ. Das war ein wichtiger Beitrag – doch noch bedeutender für die Wiederbelebung der Stadthalle war der junge Herbert Prohaska, der sich auf Anhieb mit dem Parkettboden identifizierte und bald als „Primgeiger“ oder „Hallenkönig“ gepriesen wurde. Zwar konnte man keine internationalen Kaliber mehr in der Größenordnung eines FC Bayern nach Wien locken, doch „Wien genügte sich selbst“.
Was machte das Stadthallenturnier nun so beliebt? Das Erfolgsrezept setzte sich aus mehreren Faktoren zusammen, wie „dem Holzboden, den Finten und Kabinettstückerln, Ergebnissen im zweistelligen Bereich, der engen Atmosphäre der Zuschauerränge, dem Geruch von Rauch und Bier, der den Akteuren das Laufen auf dem etwa 50 mal 30 Meter großen Feld erschwerte.“ Das Wiener Scheiberlspiel von einst lebte in der Halle fort – angeführt durch einen gewissen Herbert Prohaska und seine technisch beschlagenen Mitspieler wie etwa „Obergeiger“ Felix Gasselich. In der Stadthalle gab es keine Gesetze, der Zufall dominierte hier noch stärker, und Überraschungen standen an der Tagesordnung. „In der Stadthalle lebte die Vor- und Nachkriegszeit wieder auf, in denen die Fußballfans in der Stadt die Qual der Wahl hatten, zu welchem Derby man sich am Wochenende aufmachte. Vereine wie Vienna, der Wiener Sport-Club, der Simmeringer FC oder der Favoritner AC, die für die beiden Riesen Rapid und Austria auf dem grünen Rasen allmählich zum Sparringspartner wurden, waren in der Halle immer für eine Sensation gut.“
Bis zu seinem Abgang im Jahr 1980 gewann „Schneckerl“ als Regisseur der Austria dreimal das Turnier (1977, 1979, 1980). Zur Saison 1980/81 wurde Prohaska als erster ausländischer Kicker von Inter Mailand verpflichtet, nachdem die italienische Liga für Legionäre geöffnet worden war. Sein Mitbewerber war kein Geringerer als Michel Platini. Die Mailänder waren eine Mannschaft, die bis dahin zwölfmal italienischer Meister geworden war und den Meistercup zudem zweimal für sich entschieden hatte. Sein Trainer war Eugenio Bersellini, der das Amt von 1977 bis 1982 innehatte. Am 14. September 1980 gab er beim 0:4-Auswärtserfolg in Udine sein Serie-A-Debüt. Seine italienischen Mitspieler hießen dabei etwa Ivano Bordon, Giuseppe Baresi, Giuseppe Bergomi, Graziano Bini, Fulvio Collovati, Giampiero Marini, Gabriele Oriali, Fausto Pari und Alessandro Altobelli. In seiner ersten Spielzeit brachte es „Schneckerl“ auf 28 von 30 möglichen Partien in der Serie A und stieß mit seiner Mannschaft zudem – nachdem diese in der Vorsaison Meister wurde – bis ins Halbfinale des Landesmeisterpokals vor, wo man sich allerdings Real Madrid geschlagen geben musste.
In seiner zweiten Saison mit den Nerazzurri („Die Schwarz-Blauen“) gelang Prohaska – unter anderem durch die Verstärkungen um Riccardo Ferri, Salvatore Bagni und Rückkehrer Aldo Serena – der große Erfolg in der Coppa Italia. Auf dem Weg ins Finale kegelte die Mannschaft unter anderem „Schneckerls“ nächstes Stadion, die AS Rom, aus dem Wettbewerb. Im Endspiel behielt Inter gegenüber dem FC Turin die Oberhand und feierte den nationalen Pokalsieg. Während seiner Zeit in Mailand erlebte Prohaska auch das Mailänder Derby mit, das er wie folgt beschrieb: „International gesehen ist dieses Derby sicher wichtiger als das österreichische. Und es war echt super, die Stimmung war fantastisch. Aber es war nie das, was ich beim Wiener Derby gefühlt habe. Für mich war es immer das italienische Derby. Mein Derby war immer Austria gegen Rapid. Und nur dieses Derby war immer in mir drinnen.“
Für Inter Mailand kam Prohaska auf 81 Spiele, in denen er elf Treffer erzielte. Während seines Italien-Aufenthalts gelang der italienischen Nationalmannschaft, der sogenannten „Squadra Azzurra“, bei der WM in Spanien der dritte Weltmeistertitel. Die Truppe von Enzo Bearzot setzte sich im Finale überraschend gegen eine große brasilianische Mannschaft rund um Zico und Sócrates durch. Im selben Jahr wechselte Prohaska zur AS Rom, wo er unter anderem auf prominente Kicker wie Franco Tancredi, Sebastiano Nela, Carlo Ancelotti, Falcão, Giuseppe Giannini (der später bei Sturm Graz anheuerte), Roberto Pruzzo sowie die frischgebackenen Weltmeister Pietro Vierchowod und Bruno Conti traf. Auch fünf seiner ehemaligen Inter-Mitspieler feierten den Coup mit Italien. Anders als bei den Mailändern waren in der Mannschaft der schwedischen Legende Nils Liedholm zahlreiche Legionäre vertreten. „Schneckerl“ wurde im Jahr 1983 mit den Römern auf Anhieb italienischer Meister – der Verein feierte nach 1941/42 erst seinen zweiten Meistertitel. Insgesamt brachte er es für die Roma auf 42 Spiele sowie fünf Tore und stand zudem im Viertelfinale des UEFA-Cups.
Nach seiner Rückkehr in die österreichische Hauptstadt durfte Prohaska nach einem dreijährigen Intermezzo auch wieder in der Stadthalle an den Start. Verlernt hatte er seine „liebste Winterbeschäftigung“ keinesfalls – ganz im Gegenteil: 1984, 1985 und 1986 gewann er das Turnier. Der Titel war von 1977 bis 1986 an keine andere Mannschaft gegangen. Diese Erfolgsserie war dadurch zu erklären, dass es im Grunde keine Taktik gab – fünf Spieler stürmten, fünf verteidigten –, man musste tricksen sowie „gaberln“ können und die Bande musste geschickt eingesetzt werden, was den filigranen „Veilchen“ in die Karten spielte. „Wir waren so gut, dass wir gesagt haben, wer nach dem zweiten Tag die meisten Tore hat, den machen wir zum Torschützenkönig. Der ist dann nicht mehr zurückgelaufen, sondern einfach vorne stehen geblieben.“ Die Liebe zu seinem „Königreich“ ging sogar so weit, dass „Schneckerl“ mit 39 Grad Fieber auflief. Als der Klubmasseur das dem Trainer mitteilen wollte, warnte ihn der „Hallenkönig“: „Wenn du ihm das sagst, bist weg als Masseur.“
Die Wiener Austria stellt mit insgesamt 18 Titeln den Rekordsieger. Herbert Prohaska selbst gewann das Turnier sechsmal und wurde ganze zehnmal zum Stadthallenkönig, also zum besten Spieler des Turniers, gewählt. Zweifellos war er der beste österreichische Kicker, den es je auf Parkett gegeben hat. Die große Stadthallen-Generation der Austria Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre wurde wie folgt beschrieben: „Es war so, als würden Sylvester Stallone, Robert Redford, Alain Delon und Arnold Schwarzenegger gleichzeitig auftreten.“
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