Am 8. August wird Herbert Prohaska, Österreichs Jahrhundert-Fußballer, 70 Jahre alt. „Schneckerl“, wie er gerufen wurde, gehörte den großen Austria-Wien-Mannschaften der 1970er- und 1980er-Jahre an und wurde zudem von Inter Mailand als erster ausländischer Kicker unter Vertrag genommen. Auch im Nationalteam glänzte er und nahm an den Weltmeisterschaften 1978 sowie 1982 teil. Als Teamchef führte er den ÖFB zu seiner bisher letzten WM-Teilnahme im Jahr 1998. Ein Blick zurück auf die ruhmreiche Karriere von Herbert Prohaska – alles Gute zum 70er!
Der 13. November 1974 markierte eine neue Wegmarke in der jungen Karriere von Herbert Prohaska: Erstmals durfte er in der Nationalmannschaft an den Start. Mit exakt 19 Jahren, drei Monaten und fünf Tagen feierte er in einem Testspiel in der Türkei sein Debüt. Bis dahin hatte „Schneckerl“ 94 Pflichtspiele für die Wiener Austria absolviert. Vor rund 30.000 Zusehern gelang dem VÖEST-Linz-Kicker Josef „Sepp“ Stering der Goldtreffer zum 1:0-Endstand. In der damaligen Elf von Trainer Leopold Stastny, der das Amt von 1968 bis 1975 ausübte, standen klingende Namen wie „Friedl“ Koncilia, Kurt Jara, Willi Kreuz und der Ex-Happel-Schützling Franz Hasil. Das Nationalteam befand sich nach der „Decker-Ära“ und dem vermeintlichen zweiten Wunderteam im Umbruch.
Bereits zuvor hatte für den ÖFB die Qualifikation für die Europameisterschaft 1976 in Jugoslawien mit einem Sieg über Wales positiv begonnen. Im Jahr 1975 durfte Prohaska dann erstmals in der EM-Quali an den Start. Dieser 16. März 1975 war das erste Pflichtspiel der Nationalmannschaft, in dem Prohaska und Krankl, die beiden besten, aber unterschiedlichsten österreichischen Kicker jener Ära, Seite an Seite aufliefen – später sollten beide bedauern, dass sie nie im gleichen Verein gespielt haben. Krankl, der etwas mehr als ein Jahr vor Prohaska im Team debütierte, sicherte seinem Land den Sieg über Luxemburg und stieß die Tür zur erstmaligen Teilnahme Österreichs an einer Fußball-EM weit auf. Anschließend folgten zwei Enttäuschungen gegen Ungarn, die die Entlassung von Teamchef Leopold Stastny zur Folge hatten. Branko Elsner übernahm die Truppe für die restliche Qualifikation. Die Mannschaft verpasste die EM 1976 schließlich und landete in der Gruppe hinter Wales und Ungarn mit ernüchternden 7:5 Punkten auf Rang drei.
Auf Elsner folgte Helmut Senekowitsch, der als Aktiver dem Decker-Team angehörte und zuvor bei VÖEST Linz, Admira Wacker sowie beim GAK Erfahrung an der Seitenlinie sammelte. Mit seinem Amtsantritt begann eine neue Ära – eine der erfolgreichsten in der Geschichte des ÖFB. Anfang Dezember 1976 nahm die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien ihren Spielbetrieb auf. Österreich plagte sich auf dem sandigen Untergrund in Malta lange, ehe Hans Krankl wieder einmal für die Erlösung sorgte. Prohaska kam zur Halbzeit für Sepp Stering. Anfang 1977 folgten weitere Siege über die Türkei sowie Malta, und im September bzw. Oktober trennte man sich gegen die DDR zweimal mit 1:1. Am 30. Oktober 1977 hatten die Österreicher die historische Chance, sich endlich wieder für ein Großereignis zu qualifizieren. Die Gruppe war ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der DDR, die bei der vorangegangenen WM immerhin die BR Deutschland besiegt hatte. Die ÖFB-Kicker konnten nun mit einem Sieg in der Türkei, vor mehr als 60.000 Besuchern, zu echten Helden werden. Und tatsächlich: In der 71. Minute erzielte Herbert Prohaska seinen legendären „Spitz von Izmir“ – Österreich war damit nach ganzen 20 Jahren wieder bei einer WM vertreten.
Die Kicker waren in Überform und die Fans in Ekstase. Besonders Hans Krankl und Herbert Prohaska stachen in der Saison 1977/78 auch in ihren jeweiligen Vereinen, Rapid und Austria, heraus. „Schneckerl“ dirigierte seine „Veilchen“ ins Endspiel des Cups der Cupsieger und damit in das erste Europapokalfinale mit österreichischer Beteiligung überhaupt. Hans Krankl hingegen war ein bedingungsloser Vollstrecker. 1977/78 erzielte der Rapid-Fanliebling ganze 41 (!) Treffer in der höchsten Spielklasse Österreichs und krönte sich damit zum besten Torschützen Europas, wofür er den „Goldenen Schuh“ verliehen bekam. Auch in den Wiener Derbys waren alle Augen auf das Duell „Schneckerl“ gegen „Superhans“ gerichtet. „Herbert Prohaska und Hans Krankl sind ein ballesterisches Yin und Yang. Leichtfüßiger Spielmacher der eine, gnadenloser Vollstrecker der andere. Hier die Feinheit des Passes, dort die Wucht des Abzugs.“ Prohaska kam in seiner aktiven Karriere auf ganze 54 Derbys mit Rapid, wovon er 26 gewann und nur 14 verlor. Bis heute sind beide der Ansicht, dass sie voneinander profitiert hätten.
Die Vorzeichen für eine positive und erfolgreiche WM standen also äußerst gut. Senekowitsch schickte folgende 22 Kicker nach Argentinien: Friedl Koncilia, Hubert Baumgartner, Erwin Fuchsbichler, Gerhard Breitenberger, Erich Obermayer, Peter Persidis, Bruno Pezzey, Robert Sara, Heinrich Strasser, Ernst Baumeister, Günther Happich, Roland Hattenberger, Josef Hickersberger, Kurt Jara, Wilhelm Kreuz, Eduard Krieger, Herbert Prohaska, Heribert Weber, Hans Krankl, Franz Oberacher, Johann Pirkner und Walter Schachner, der jüngste im Bunde. Den Auftakt meisterte die Truppe mit einem 2:1-Sieg gegen Spanien, trainiert von Barcelona-Legende Ladislao Kubala, bravourös. Anschließend folgte ein 1:0-Erfolg über Schweden, wodurch sich die Mannschaft bereits vorzeitig für die Zwischenrunde qualifizierte. Die 0:1-Niederlage gegen Brasilien am letzten Spieltag änderte nichts am fulminanten Gruppensieg für Rot-Weiß-Rot. Prohaska spielte in allen Gruppen- und Zwischengruppenspielen von Anfang bis Ende.
In der Zwischengruppe blieb man zunächst gegen die von Ernst Happel trainierten Niederländer, die anschließend im Finale am Gastgeber scheiterten, und Italien torlos, wodurch die Senekowitsch-Elf weder Chancen auf den Einzug ins Finale noch in das Spiel um Platz drei hatte. Für BR Deutschland, Österreichs letzten Gruppengegner, gab es die Chance auf den Einzug in das Endspiel und die mögliche Titelverteidigung sehr wohl noch: Österreich musste hoch besiegt werden, auf dem anderen Platz mussten Italien und Niederlande remisieren. Vor der Partie hatten die deutschen Kicker noch darüber Witze gemacht, ob man den „Ösis“ nun neun oder doch nur sieben Tore machen werde. Doch bekanntlich kommt Hochmut vor dem Fall – und genau so sollte es sein. Nach 66 Minuten drehte Österreich den 0:1-Rückstand auf 2:1 zu seinen Gunsten. Die Antwort der Nachbarn ließ nicht lange auf sich warten: Bernd Hölzenbein egalisierte praktisch im nächsten Angriff. Dann kam die 88. Minute, die bis heute einen der größten Glanzmomente des Nationalteams markiert. Hans Krankl durchkreuzte die deutschen Final-Träume und besiegelte die erste Niederlage des Nachbarn gegen die „Ösis“ seit sage und schreibe 47 (!) Jahren. Der Rest sowie Edi Fingers ikonischer Jubel („I werd narrisch!“) sind Geschichte. Das „Wunder von Córdoba“ war perfekt, und die österreichischen Kicker konnten die Heimreise erhobenen Hauptes antreten.
Herbert Prohaska und Hans Krankl wechselten nach dem fulminanten siebten Platz bei der WM 1978 ins Ausland. Krankl schoss den FC Barcelona 1979 mit seinem entscheidenden Treffer gegen Düsseldorf zum Gewinn des Cups der Cupsieger – und wurde infolgedessen zum „Goldeador“. Während das Nationalteam anschließend die Teilnahme an der EM 1980 in Italien verpasste, qualifizierte man sich erneut erfolgreich für die WM 1982 in Spanien. Vor dem Großereignis kam es zu einem Zerwürfnis zwischen dem erfolgreichen Teamchef Karl Stotz und dem ÖFB-Präsidenten Karl Sekanina, was Ersteren den Posten kostete. Der heimische Fußballbund agierte in der Folge schnell und beschloss, die Betreuung der Nationalmannschaft während der WM einem Duo, bestehend aus Felix Latzke als Trainer und dem ÖFB-Angestellten Georg Schmidt, anzuvertrauen. Das Team war im Vergleich zur berühmten 78er-WM größtenteils unverändert geblieben.
Das österreichische Nationalteam startete wie schon vier Jahre zuvor fulminant in das Turnier und qualifizierte sich nach Siegen über Chile sowie Algerien bereits vorzeitig für die Zwischenrunde. Vor dem letzten Gruppenspiel lag die deutsche Mannschaft auf dem dritten Rang. Österreich führte die Tabelle an, Algerien war Zweiter, hatte jedoch bereits alle Spiele absolviert. Deutschland musste also unbedingt gewinnen, um weiterzukommen. Es entwickelte sich ein Nichtangriffspakt zwischen den beiden Nationalmannschaften – am Ende gewannen die Deutschen, wie offenbar zuvor abgesprochen, mit 1:0, wodurch beide Teams in die nächste Gruppenphase einzogen. Dieses Match ging als „Schande von Gijón“ in die WM-Annalen ein. „Nur der junge Walter Schachner, so will es die Legende und vor allem er selbst, hatte von all dem nichts mitbekommen. So lief er auch in der zweiten Halbzeit wie aufgezogen, und ein zunehmend genervter Hans-Peter Briegel haute ihn ein ums andere Mal um.“ Die Partie war der Auslöser dafür, dass Gruppenspiele seither am letzten Spieltag parallel ausgetragen werden. In der zweiten Gruppenphase war für die Österreicher dann nicht mehr viel zu holen. So schieden sie nach einer Niederlage gegen Frankreich und einem Remis gegen Nordirland aus.
Nach seiner Rückkehr aus Italien nahm Prohaska mit dem Nationalteam noch an den Qualifikationen für die Europameisterschaft 1984 und die Weltmeisterschaft 1986 teil, die man jeweils nicht überstand. Mit Fortdauer der 1980er-Jahre neigte sich „Schneckerls“ Karriere sowohl bei der Austria als auch beim ÖFB langsam dem Ende zu. Seine letzten Auftritte hatte der mittlerweile routinierte Mittelfeldakteur bei der Quali für die WM 1990 in Italien, die er mit einer sehr jungen Mannschaft unter Trainer Josef Hickersberger erfolgreich meisterte. Zumindest trug er seinen Teil dazu bei, denn nach dem vierten Spieltag verkündete er seinen Rücktritt aus dem ÖFB und beendete gleichzeitig seine aktive Karriere. An diesem 14. Juni 1989 durfte er das Nationalteam beim torlosen Remis auswärts in Island als Kapitän auf den Platz führen. Rund ein Jahr später sollte Prohaska selbst als Cheftrainer der Nationalmannschaft das Kommando übernehmen.
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