Der Cola-Dosen-Mythos: Ernst Happel bei ADO Den Haag

bild 1 ernst happel 1981 fotocoepb.at

Ernst Happels ruhmreiche Trainerkarriere begann im Jahr 1962 in Den Haag. In knapp sieben Jahren entwickelte er die Mannschaft aus der niederländischen Regierungsstadt von einem Abstiegskandidaten zu einem Meisterschaftsaspiranten und holte seinen ersten von vielen Titeln. Bereits im ersten Training mit ADO entstand die legendäre Anekdote der Cola-Dose, wodurch sich der junge Trainer großen Respekt verdiente.

Nach Beendigung seiner aktiven Karriere übernahm „Aschyl“ bei Rapid zunächst den Posten des Sektionsleiters mit dem Ziel, die Grün-Weißen wieder zu einer Spitzenelf von europäischem Format zu formen, und betreute gemeinsam mit Coach Robert Körner die Mannschaft. In diesen zwei Jahren krönten sich die Hütteldorfer zum Meister sowie Cupsieger und stießen bis ins Halbfinale des Europapokals der Landesmeister vor. Happel zeigte bereits früh, welche Wirkung er auch außerhalb des Feldes auf eine Mannschaft haben konnte.

Im Jahr 1962 verließ er Rapid und Österreich, um seine erste richtige Trainerstation im Ausland in Angriff zu nehmen. Sein ehemaliger Mitspieler Franz „Bimbo“ Binder erkannte das Potenzial Happels an der Seitenlinie und vermittelte ihn an den niederländischen Verein ADO Den Haag. Binder, dessen Name untrennbar mit der deutschen Meisterschaft 1941 verbunden ist, schwang zum damaligen Zeitpunkt das Trainerzepter bei PSV Eindhoven, pflegte gute Kontakte in den Niederlanden und stellte somit die Weichen für die große Karriere des „Wödmasta“.

Binder und Happel waren keinesfalls die ersten österreichischen Coaches in den Niederlanden. Bereits zuvor trainierten Heinrich „Wudi“ Müller und Max Merkel dort sowohl Vereinsmannschaften als auch das niederländische Nationalteam, die sogenannte Elftal. Auch bei ADO Den Haag selbst reichte der österreichische Einfluss weit zurück. Der 1905 gegründete Verein erlebte in den Kriegsjahren von 1941 bis 1943 durch den zweimaligen Gewinn der nationalen Meisterschaft seinen sportlichen Höhepunkt – und das bis heute. Großen Anteil daran hatte der österreichische Coach Otto Höss – als Aktiver für First Vienna, Slovan Wien und den Wiener Sportclub tätig –, der bis 1936 auf dem Trainersessel des Vereins saß und durch sein besonderes Augenmerk auf die Förderung junger Talente den Grundstein für die erfolgreiche Ära legte. Mitte der 1950er standen mit Franz Gutkas und Friedrich Donenfeld zwei weitere Österreicher an der Seitenlinie von ADO, wobei Letzterer auch als Bondscoach (Trainer der niederländischen Nationalmannschaft) in Erscheinung trat.

Als Happel die Mannschaft aus der niederländischen Regierungsstadt übernahm, war er erst knapp 37 Jahre alt und somit nicht viel älter als seine Schützlinge. Dadurch musste sich der Trainerneuling erst den Respekt der Spieler erarbeiten. Bereits die erste Trainingseinheit unter Happel gab seine harte, intensive und fordernde Marschrichtung vor. Es regnete in Strömen und die Kicker baten ihren neuen Coach, das Training zu beenden. Laut anderen Quellen wollten die Spieler das Training gleich ganz verweigern, um „Aschyl“ zu ärgern. Jedenfalls – so die Anekdote – schnappte sich der Wiener eine leere Cola-Dose und stellte diese auf der Querlatte des Tores auf. Gleich im ersten Versuch schoss der „Wödmasta“ die Dose aus rund 20 Metern herunter und ordnete an: „Nachmachen. Dann könnt’s ihr duschen gehen.“ Ein Spieler nach dem anderen scheiterte vergeblich – manche von ihnen sollen es im Regen über eine Stunde lang versucht haben. „So soll er den Spielern eindrucksvoll bewiesen haben, dass sie einen technisch sehr versierten Trainer haben, der seinen Weg gehe und sich in der Arbeit durch nichts beirren lasse.“ Dadurch gewann er gleich am ersten Tag enormen Respekt, der in seiner Laufbahn die Grundlage für den sportlichen Erfolg bildete. Happel selbst bestritt die Erzählung nicht, jedoch stimmte er der heutzutage überlieferten Version auch nicht zu. Im Hamburger Abendblatt meinte er schlicht: „Unter den Journalisten gibt es einige Poeten.“

Ernst Happel verstand es von Anfang an, der Mannschaft seinen Stempel aufzudrücken und sie kontinuierlich weiterzuentwickeln. Der Disziplinfanatiker trainierte seinen Kickern enorme Kondition an und führte gleich in der ersten Saison ein professionelles Training ein. Nachts feilte er stundenlang an verschiedenen Taktiksystemen und schrieb mit dem Kugelschreiber „auf meterweises Papier“. „Happel ist von Kindheit an ein in sich gekehrter Beobachter. Er nimmt in seiner Umgebung alles genau wahr und zieht seine Schlüsse. Eine früh erworbene Menschenkenntnis hilft ihm, die Spieler zu verstehen. Und die Spieler verstehen ihn, auch wenn er wortkarg ist oder schweigt.“ Das immer wieder großgeschriebene Vereinsmotto Alles Door Oefening („Alles durch Übung“) spielte dem zweifachen WM-Starter natürlich in die Karten.

Seine ausgeklügelten Herangehensweisen benötigten jedoch etwas Zeit – die Mannschaft wurde immerhin als Abstiegskandidat gehandelt. In den ersten beiden Spielzeiten unter Happels Regie landete der Verein, der damals vor nicht allzu langer Zeit federführend bei der Etablierung des Profitums in den Niederlanden war, jeweils auf Rang zehn. Im Gegensatz zu den vorangegangenen Jahren war das eine deutliche Steigerung. Darüber hinaus drang man 1962/63 und 1963/64 zweimal in Folge ins niederländische Pokalfinale durch, musste sich dort jedoch Willem II Tilburg bzw. Fortuna ’54 Geleen geschlagen geben. In der dritten Saison folgte der erste Achtungserfolg in der Liga: ADO Den Haag wurde hinter den beiden Spitzenmannschaften Ajax und Feyenoord Dritter und qualifizierte sich somit erstmals für einen internationalen Wettbewerb. Im International Football Cup (IFC), der von 1961 bis 1967 ausgespielt wurde, konnten Vereine, die weder am Landesmeisterpokal noch am Cup der Cupsieger teilnahmen und zudem nicht aus einer Stadt mit Handelsmessen kamen, dennoch international an den Start gehen. Im Sommer 1965 rangierte die Happel-Elf in der Gruppe mit Malmö FF, FC Lugano und Borussia Neunkirchen auf Platz drei, was das frühzeitige Aus bedeutete.

In der Saison 1965/66 wurde ADO in der heimischen Liga wieder Dritter und stieß erneut in das Cupfinale vor, wo man jedoch ein weiteres Mal das Nachsehen hatte – diesmal gegen Sparta Rotterdam. Daraus resultierte die nächste Teilnahme am International Football Cup, 1966/67 gewannen die Niederländer unter Happel ihre Gruppe vor AC Brescia, RFC Lüttich und FC Biel. Nach einem souveränen Viertelfinal-Erfolg über IFK Göteborg war der Verein erst im Halbfinale von Inter Bratislava zu bremsen. In der nationalen Meisterschaft wurde der Klub in den Spielzeiten 1966/67 und 1967/68 jeweils Vierter. Darüber hinaus absolvierte ADO im Jahr 1967 eine Tournee in den USA – mit dem Ziel, den Soccer in den Vereinigten Staaten zu popularisieren. Happels Mannschaft trat unter dem Namen Golden State Gales auf. Damals war auch der junge Dick Advocaat mit von der Partie. Das damalige Talent erinnerte sich in einem Interview mit De Telegraaf an seinen ehemaligen Coach: „Ich war tief beeindruckt von seinem Charisma.“ Auch eine Anekdote aus dem Amerika-Abenteuer hatte er auf Lager. Die Mannschaft sollte einmal an einem Universitätscampus untergebracht werden. „Als Happel die Unterkunft sah, drehte er sich um und sagte bloß: ‚Wo ist der Bus?‘“ Umgehend dirigierte er sein Team zurück auf den Flughafen. „Alles war in Panik, außer Happel. Der schaffte es auf die Art, dass wir in einem tollen Hotel in San Francisco einquartiert wurden.“

Am 3. Juni 1968 folgte mit dem lange verdienten Pokalsieg die Krönung der Happel-Ära bei ADO Den Haag. An diesem Tag besiegte der vermeintliche Underdog das von Rinus Michels betreute heranwachsende Star-Ensemble von Ajax Amsterdam durch die Treffer von Lex Schoenmaker (Rekordtorschütze des Vereins) und Kees Aarts mit 2:1. Doppelt so schön war der Erfolg, da das Endspiel vor eigener Kulisse im Zuiderparkstadion stattfand. In der damaligen Cupsieger-Mannschaft „Aschyls“ standen viele der größten ADO-Kicker aller Zeiten – beispielsweise Rekordspieler Aad Mansveld und Rekordtormann Ton Thie. Im Sommer 1968 gewann die Mannschaft darüber hinaus den neu eingeführten Intertoto-Cup, Nachfolger des International Football Cup, der den Totogesellschaften auch in der Sommerpause attraktive Wettangebote bieten sollte.

Im Frühjahr 1969, also knapp sieben Jahre nachdem Happel den Verein übernommen hatte, provozierte er einen Bruch mit dem Vorstand, um bei einer noch größeren Adresse (Feyenoord Rotterdam) anzuheuern. Noch während der laufenden Spielzeit wurde er von Rinus Loof abgelöst, der die Mannschaft bereits von 1955 bis 1962 betreut hatte. Ernst Happel coachte die Niederländer in 254 Pflichtspielen und verbuchte dabei einen beachtlichen Punkteschnitt von 1,68 pro Spiel. In der rund 570.000-Einwohner-Stadt Den Haag genießt Happel noch heute Legenden- sowie Heldenstatus. Während seiner über 2.400-tägigen Amtszeit bei ADO hielt er seine Überlegungen zum Trainingsprogramm und Gedanken über den Weg zum Erfolg in einem Heft fest, das heute zum Archivbestand des Vereins gehört.

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