Kommenden Mittwoch gastiert der amtierende österreichische Meister im Play-off zur UEFA Champions League beim norwegischen Verein Bodø/Glimt. Der Tenor beim SK Sturm Graz lautet dabei: „Machbar, aber nicht einfach“. Die Sensationsmannschaft aus dem hohen Norden spielte sich seit 2021 ins internationale Schaufenster und erreichte in der Vorsaison mit dem Halbfinaleinzug in der Europa League ihren bisherigen Höhepunkt. Doch wie kommt es, dass ein Verein, der vor weniger als zehn Jahren noch in der Zweitklassigkeit beheimatet war, einen solch kometenhaften Aufstieg schaffte? „Scheiberlspiel“ nimmt den Gegner der „Schwoazn“ genau unter die Lupe.
Die Stadt Bodø liegt nördlich des Polarkreises, zählt knapp 45.000 Einwohner (in Österreich ungefähr mit Steyr vergleichbar) und hat für die umliegende Region eine große Bedeutung in den Bereichen Handel, Dienstleistungen, Verwaltung, Bildung sowie Kommunikation. Die Industrie spielt dabei eine eher untergeordnete Rolle. Darüber hinaus bildet die Kleinstadt einen wichtigen Verkehrsknotenpunkt im Norden. Die Region ist – an mitteleuropäischen Verhältnissen gemessen – eher trist: Im Winter scheint die Sonne lange Zeit nicht hinter den hohen Bergen hervor, und das Klima ist überwiegend kühl. Regelmäßiger Schneefall ist keine Rarität. Im Umkehrschluss bietet die Bodø umgebende Gegend einiges: von einsamen, aber wunderschönen Straßen an Fjordlandschaften bis hin zu einem beeindruckenden Stadtgrundriss im Schachbrettmuster, der parallel zur Küste verläuft.
Auch im norwegischen Fußball gibt es traditionell ein deutliches Nord-Süd-Ungleichgewicht. Alle heutzutage prominenten Mannschaften stammen aus dem Süden. Die Nordnorweger hatten es nie leicht, sich in der höchsten Spielklasse zu etablieren oder überhaupt erst dorthin aufzusteigen. Immer wieder wurden ihnen große Steine in den Weg gelegt – erst im Jahr 1972 erhielten Vereine aus dem Norden das Recht, in die Spitzenliga aufzusteigen. In den 1970er-Jahren mussten sie sich in teils unüberbrückbaren Play-off-Modi behaupten. Dies lag überwiegend schlicht an der Überzeugung, dass die Nordländer ihren südlichen Kontrahenten nicht gewachsen seien. Bis heute gelang der Sprung nur drei Klubs: Bodø/Glimt, Tromsø IL und FK Mjølner. Nun hat sich das Blatt gewendet: Der klirrend kalte Norden gibt den Ton an – und Bodø/Glimt schaffte es nicht nur als erster nordländischer Verein, den Meistertitel zu erringen, sondern stieß auch als erste norwegische Mannschaft überhaupt in ein Europacup-Halbfinale vor.
Bodø gelang es – abgesehen von der sportlichen Kontinuität –, die vorherrschenden Rahmenbedingungen geschickt für sich zu nutzen. Heimspiele sind ein enormer Vorteil des Vereins. Bei 40 Zentimetern Schnee und Kunstrasen zwang die Mannschaft auch schon die berühmtesten Teams Europas in die Knie. Besonders der Kunstrasen, den die österreichische Fußball-Legende Andreas Herzog als „eine andere Sportart“ bezeichnet, macht den Gegnern zu schaffen: Der Ball ist deutlich schneller und verspringt weniger oft, was technisch versierten Mannschaften wie Bodø/Glimt („Glimt“ bedeutet auf Deutsch so viel wie „Blitz“) in die Karten spielt. Gepaart mit der nötigen sportlichen Professionalität ist der Klub in seinem 8.270 Plätze fassenden Aspmyra-Stadion nahezu unbezwingbar. Doch woher kommt nun dieser sportliche Aufschwung? Ein grober Blick in die Vereinsannalen liefert darauf keine eindeutige Antwort. Bodø zeigte in der Vergangenheit zwar schon des Öfteren großes Potenzial, schaffte es jedoch bis vor wenigen Jahren nicht, sich in Liga eins zu etablieren.
Fußball (oder Fotball, wie er dort genannt wird) pflegt in Norwegen eine lange Tradition. Der nationale Fußballverband (NFF) wurde 1902 gegründet, trat der FIFA 1908 bei und absolvierte im selben Jahr sein erstes offizielles Länderspiel. Eine nationale Meisterschaft (nur mit Teams aus dem Süden) wurde erstmals im Jahr 1937 ausgetragen.
Im hohen Norden war man von all diesen großen Schritten noch weit entfernt. Erst 1916 gründete sich in der verhältnismäßig großen Stadt Bodø ein Fußballverein – damals unter dem Namen Fotballklubben Glimt. Erst im Jahr 1948 wurde der Klub in Fotballklubben Bodø/Glimt umbenannt, wobei man den Schrägstrich bis in die 1980er noch als Bindestrich führte. Drei Jahre nach seiner Gründung gewann der Verein seinen ersten Titel: die Bezirksmeisterschaft des Nordlandes. In den 1920ern schlitterte Bodø erstmals in finanzielle Turbulenzen und damit beinahe in eine Fusion. Gegen Ende des Jahrzehnts beruhigte sich die angespannte Lage – bedingt durch mehrere Besuche von Spielern sowie Trainern aus Südnorwegen – nach und nach. In den frühen 1930ern verordnete der Verein erstmals Hallentraining, um auch im Winter in Takt bleiben zu können.
Die Jahrzehnte verstrichen, und Bodø/Glimt trabte in verschiedenen Nordligen dahin. Bis 1963 herrschte – bedingt durch die langen Entfernungen und den kalten Winter – überhaupt kein organisierter Spielverkehr zwischen Nord und Süd. In diesem Jahr wurde den Nordnorwegern mit der Teilnahmeberechtigung am nationalen Pokalwettbewerb erstmals die Chance geboten, sich auf der großen Bühne mit ihrem Können zu präsentieren. Die in Gelb-Schwarz auflaufende Mannschaft nutzte diese Gelegenheit und veranschaulichte, dass die Nordländer ihren südlichen Kollegen ordentlich Paroli bieten konnten. Der Verein stieß in Runde vier vor und bezwang dabei den heutigen Rekordmeister Rosenborg Trondheim.
Dieser Erfolg war ein Weckruf, künftig auch die nationale Meisterschaft für Teams aus dem Norden zu öffnen. Es sollte jedoch weitere neun Jahre, bis 1972, dauern, ehe die Nordländer erstmals die Chance erhielten, in die Erstklassigkeit aufzusteigen. Als erstem nordnorwegischen Verein gelang dem FK Mjølner dieser große Sprung. Bodø/Glimt hingegen fiel der 1973 durchgeführten Reform der zweiten Leistungsstufe zum Opfer: In dieser nun dreigleisigen Division gab es zwei Ligen für südliche und eine für nördliche Mannschaften – die jeweiligen Erstplatzierten der südlichen Ligen stiegen sofort auf, während der Meister aus dem Norden in anspruchsvollen Play-off-Spielen gegen die beiden Zweitplatzierten aus dem Süden antreten musste. Der Verein aus Bodø gewann in den Jahren 1974 und 1975 jeweils seine Liga ohne eine einzige Niederlage, scheiterte jedoch in den Play-offs, was im Norden verständlicherweise für großen Unmut sorgte. Dieser verschärfte sich im Jahr 1975, als Bodø/Glimt Geschichte schrieb: Erstmals gewann eine Mannschaft aus dem Norden den norwegischen Pokal. Damals setzte man sich gegen SK Vard Haugesund – der Verein sollte Jahrzehnte später auch mit dem SK Sturm die Klingen kreuzen – vor rund 24.000 Zusehern mit 2:0 durch. Diese Zäsur war die Initialzündung dafür, dass der norwegische Verband die Aufstiegsregeln änderte und die Play-off-Spiele abschaffte. Für Bodø spielte dieser Umstand keine Rolle mehr: Dem Verein gelang im Jahr 1976 als zweitem Klub aus Nordnorwegen der Aufstieg in die höchste Spielklasse, die damalige „1. Divisjon“.
Die Debütsaison im Jahr 1977 konnte sich sehen lassen: Die Nordländer belegten den phänomenalen zweiten Tabellenplatz und stießen bis ins Pokalfinale vor, wo man sich jedoch Lillestrøm SK geschlagen geben musste. Vier Spielzeiten lang spielte der Verein in der obersten Leistungsstufe, ehe er im Jahr 1980 auf dem letzten Platz landete und somit den Gang in Liga zwei und gleichzeitig in das wohl dunkelste Kapitel seiner Geschichte antreten musste. In den 1980er-Jahren spielte der Pokalsieger von 1975 mitunter nur drittklassig und wurde von seinem Stadtrivalen Grand Bodø sogar als Nummer eins der Stadt abgelöst – ein Tiefpunkt.
Anfang der 1990er wendete sich das Blatt, und der Verein erhielt durch neue Persönlichkeiten an der Seitenlinie neuen Auftrieb. 1992 gewann die Elf von Coach Trond Sollied die Ganzjahresmeisterschaft in der zweiten Division und kehrte somit nach einer mehr als zehnjährigen Abwesenheit in die höchste norwegische Spielklasse zurück. Und die Debütsaison 1993 konnte sich – wie auch schon nach dem erstmaligen Aufstieg im Jahr 1977 – sehen lassen: Bodø/Glimt belegte nicht nur den zweiten Platz in der Liga, sondern triumphierte zum zweiten Mal nach 1975 im nationalen Pokalbewerb. Vor 26.000 Besuchern behielt man wieder mit 2:0 die Oberhand – diesmal gegen Strømsgodset IF.
Ganze zwölf Jahre war der Verein aus Nordnorwegen nun in der „Tippeligaen“ vertreten und entwickelte sich dabei zu einem wahren Wechselbad der Leistungen. Auf große Achtungserfolge wie den dritten Platz 1995 oder das verlorene Pokalfinale 1996 folgte stets der tiefe Fall. Sinnbildlich für dieses Muster stehen die Jahre 2003 und 2004: Bodø wurde 2003 nicht nur Vizemeister, sondern zwang das große Rosenborg Trondheim jener Tage im Pokalfinale sogar in die Verlängerung, wo man allerdings den Kürzeren zog. Während die Mannschaft in der darauffolgenden Saison auf dem drittvorletzten Rang landete und sich nur über die Qualifikation in der Erstklassigkeit hielt, konnte der Abstieg im Jahr 2005 nicht mehr abgewendet werden.
| Sturm Graz | Bodø/Glimt | |
|---|---|---|
| Gründungsjahr | 1909 | 1916 |
| Gesamtmarktwert | 62,23 Mio. € | 54,58 Mio. € |
| Trainer (im Amt seit) | Jürgen Säumel (November 2024) | Kjetil Knutsen (Jänner 2018) |
| Teuerster Spieler (in Millionen) | William Bøving (8 Mio. €) | Kasper Høgh (8 Mio. €) |
| Klub Koeffizient | 74 | 40 |
| Nationale Meisterschaften | 5 | 4 |
| Nationale Pokalsiege | 7 | 2 |
| In Liga seit | 60 Jahren | 8 Jahren |
| Kadergröße | 27 | 28 |
| Legionäre | 18 | 7 |
| Altersdurchschnitt | 23,6 | 25,1 |
| Teamspieler | 6 | 4 |
| Rekordspieler (Anzahl Spiele) | Mario Haas (550) | Ulrik Saltnes (407) |
| Rekordtorschütze (Anzahl Tore) | Mario Haas (179) | Ulrik Saltnes (101) |
| Rekord-Zugang (in Millionen) | Mika Biereth (9 Mio. €) | Albert Grønbæk (4,8 Mio. €) |
| Rekord-Abgang (in Millionen) | Rasmus Højlund (21 Mio. €) | Albert Grønbæk (15 Mio. €) |
| Teilnahmen am Europacup (Hauptbewerb) | 19 | 11 |
| Teilnahmen an europäischen Gruppenphasen | 9 | 4 |
| Champions-League-Teilnahmen | 3 | 0 |
| Beste Europacup-Platzierung | 2. Gruppenphase Champions League 2000/01 | Halbfinale Europa League 2024/25 |
| Erste Europacup Teilnahme | 1974 | 1976 |
| Europacup Spiele | 173 | 97 |
| Europacup Siege/Remis/Niederlagen | 50/36/84 | 46/16/35 |
| Europacup Torverhältnis | 190:262 | 178:133 |
In der zweiten Liga häuften sich die Probleme des zweifachen Pokalsiegers zunehmend. Um die prekäre finanzielle Situation einigermaßen zu stabilisieren, mussten die besten Spieler sukzessive verkauft werden. Allein die Tatsache, dass der Norwegische Fußballverband dem Verein die Spielberechtigung entziehen wollte, was zu einem Zwangsabstieg in eine noch niedrigere Liga geführt hätte, untermauert die turbulente Phase der Nordnorweger. Die Anhänger des Vereins schrieben daraufhin einen offenen Brief, der sich an Spieler sowie Vorstand richtete. Darin kritisierten sie die halbherzige Trainingsleistung und den massiven Alkoholkonsum einiger Akteure. Der norwegische Ex-Rapidler Jan Åge Fjørtoft fasste diese Epoche wie folgt zusammen: „Es waren unterhaltsame, aber ungesunde Jahre.“ Nach zwei Jahren in der zweithöchsten Spielstufe stieg Bodø/Glimt 2008 wieder in die Erstklassigkeit auf, aber der Trend als „Fahrstuhlmannschaft“ setzte sich munter fort. So stieg der Klub nach einem soliden vierten Platz im Jahr 2009 wieder ab. Erst 2013 gelang unter Jan Halvor Halvorsen der langersehnte Wiederaufstieg. Unter seiner Regie hielten die Nordnorweger 2014 und 2015 jeweils die Klasse, ehe sich im Jahr 2016 ein Kurswechsel andeutete: Mit Aasmund Bjørkan, der es in seiner aktiven Karriere auf über 260 Partien für Bodø brachte, schwang künftig eine absolute Vereinslegende das Trainerzepter. Im selben Zug wurde Kjetil Knutsen als Co-Trainer engagiert. Noch konnte niemand ahnen, dass Knutsen im kommenden Jahrzehnt zu einem der erfolgreichsten Coaches Norwegens avancieren sollte. Dennoch konnte der wiederholte Abstieg vorerst nicht abgewendet werden, doch bereits in der Folgesaison – im Jahr 2017 – gelang unter dem neuen Trainergespann der sofortige Wiederaufstieg – mit Ausrufezeichen.
Die Spielzeit 2018 markiert den Auftakt zur erfolgreichsten Ära der Vereinsgeschichte. Trainer Bjørkan trat von seinem Amt zurück, um künftig die Rolle des Sportdirektors zu übernehmen, und sein ehemaliger Assistent, Kjetil Knutsen, übernahm das Kommando. Der neue Cheftrainer war jedoch ein relativ Unbekannter im norwegischen Fußball: Da er es als Aktiver zu keiner größeren Karriere brachte, widmete er sich bereits als Mittzwanziger dem Trainergeschäft. Knutsens neue Philosophie benötigte etwas Zeit, was sich auch anhand des elften Tabellenplatzes in seiner Debütsaison erklären lässt. In der darauffolgenden Spielzeit begann sein System bereits, Früchte zu tragen: In der Endabrechnung stand zum Erstaunen der Experten – aufgrund seiner Vorgeschichte wollte man den Verein nie zu den Titelanwärtern zählen – der zweite Platz zu Buche. Die Saison 2020 war die erste Krönung der Knutsen-Ära. Bodø/Glimt spielte eine rekordverdächtige Saison: In 29 (!) von 30 Partien blieb man unbesiegt, brachte es auf ein Torverhältnis von 103:32 und schickte die Vertreter des vormals so arroganten Südens der Reihe nach mit blamierenden Niederlagen wieder nach Hause. Bodø krönte sich folglich zum ersten Meister aus Nordnorwegen und schrieb damit Geschichte. Nur die allerwenigsten hatten die Mannschaft auf dem Schirm. Vor der Saison hatte sie immerhin wichtige Leistungsträger ziehen lassen. Schnell kamen Vergleiche mit dem überraschenden Meistertitel von Leicester City im Jahr 2016 auf, „doch sie passten nicht ganz. Denn während Leicester City in der Premier-League-Titelsaison auch von den Schwächen der etablierten Klubs profitierte, überrollte Glimt die norwegische Eliteserien geradezu, als wäre der Verein bereits langjähriger Rekordmeister.“
Die Architekten des rapiden Aufstiegs zur norwegischen Nummer eins haben zwei Gesichter: Trainer Kjetil Knutsen und Sportdirektor Aasmund Bjørkan. Das Erfolgsrezept hat mehrere Facetten, doch überwiegend setzt es sich aus der erfolgreichen Jugendarbeit, für die der Verein schon zuvor bekannt gewesen war, und Kontinuität zusammen. Während der Nachwuchs einen Großteil der Meistermannschaft stellte, ergänzte man den Kader durch kluge Neuverpflichtungen, die sich zuvor bei ihren jeweiligen Vereinen nie durchsetzen konnten, aber dennoch gut in Bodøs Spielweise passten. Eine wichtige Rolle für die Vereinsidentität spielt auch die Verbundenheit mit der Region, „wo Zusammenhalt seit jeher großgeschrieben wird“. So stammen Kapitän Patrick Berg, Mittelfeldmann Ulrik Saltnes oder Linksverteidiger Fredrik André Bjørkan entweder direkt aus Bodø oder aus der Region. Coach Knutsen begann, seinen gelb-schwarzen Schützlingen einen geradlinigen Fußball, der viele an Rosenborg Trondheim erinnert, gepaart mit hohem und aggressivem Pressing im 4-3-3-System anzutrainieren.
Solch ein überraschender Meistertitel hat jedoch nicht nur Positives, wie Sportdirektor Bjørkan feststellte: „Das größte Problem, welches auf uns zukommen wird, ist, dass wir versuchen müssen, den Verlust unserer besten Spieler zu kompensieren.“ Vor der Saison 2021 verließen gleich alle drei Stürmer auf einen Schlag den Verein. Philip Zinckernagel, Jens Petter Hauge und Kasper Junker brachten es in der fulminanten Meistersaison zusammen auf nicht weniger als 60 (!) Tore und 35 Vorlagen. Die Experten gaben sich demnach erneut skeptisch und wollten dem Verein keine Titelverteidigung zutrauen. Ungleich der letzten Spielzeit war es diesmal ein Krimi bis zum letzten Spieltag, ehe sich die Truppe von Knutsen erneut zum Meister krönte. In der Saison 2020/21 nahm der Klub auch an der Qualifikation für die Europa League teil, musste sich jedoch in Runde drei AC Milan geschlagen geben. Nach dem zweiten Meistertitel schaffte man 2021/22 erstmals in der Geschichte den Sprung in die Gruppenphase eines europäischen Wettbewerbs – die Conference League, die in derselben Saison eingeführt wurde und Bodø somit gewissermaßen ein doppeltes Debüt bevorstand. Das Aspmyra-Stadion, das sich auch im Europapokal als wesentlicher Trumpf der Mannschaft herauskristallisierte, wurde in der Gruppe zum Schauplatz einer historischen Begegnung: Die Nordnorweger fegten die große AS Roma von José Mourinho mit 6:1 (!) von der Anlage und fügten den Italienern dadurch ihre höchste Niederlage in einem europäischen Bewerb zu. Bodø/Glimt wurde Gruppenzweiter und spielte sich in der Folge nach Siegen über Celtic Glasgow und AZ Alkmaar ins Viertelfinale, wo ausgerechnet gegen die Roma Endstation war.
In der heimischen Liga musste man sich indes 2022 mit dem Vizemeistertitel begnügen. In der Folgesaison ließ die Elf von Knutsen erneut nichts anbrennen und krönte sich souverän zum Meister. Im Jahr 2024 wiederholten die Gelb-Schwarzen das Kunststück und feierten damit ihren bislang letzten Meistertitel, da in Norwegen bekanntlich eine Ganzjahresmeisterschaft ausgespielt wird. Jan Åge Fjørtoft ist sich sicher: „Das ist alles, nur kein Zufall. Es ist das Resultat konsequenter, professioneller Arbeit und einer sehr klaren Spielweise.“ Auch international sorgte man wieder für Furore. Während Bodø 2022/23 in der Europa-League-Gruppe gegen Arsenal und PSV wenig Licht sah – zuvor scheiterte man im Champions-League-Play-off – sollte der Verein 2023/24 und insbesondere 2024/25 wieder für Schlagzeilen sorgen. In der Spielzeit 2023/24 stieß die Mannschaft in der Conference League in die Zwischenrunde vor, nachdem in einer anspruchsvollen Gruppe mit FC Brügge, Beşiktaş Istanbul und FC Lugano ein solider zweiter Tabellenplatz zu Buche stand. Dort entwickelte sich ein Duell auf Messers Schneide, ehe Ajax Amsterdam in der Verlängerung weiterkam. Die vorläufige Krönung der Knutsen-Ära war zweifellos die Saison 2024/25 in der Europa League. Nachdem sich das Team aus Nordnorwegen im Play-off zur Königsklasse denkbar knapp Roter Stern Belgrad geschlagen geben musste, spielte man in der neu eingeführten Ligaphase der Europa League einen fabelhaften Herbst und rangierte in der Endabrechnung auf dem neunten Platz, nur knapp hinter einer direkten Qualifikation für das Achtelfinale. Im Play-off besiegten die Gelb-Schwarzen zunächst Twente Enschede, ehe sie sich im Achtelfinale gegen Olympiakos Piräus durchsetzten und auch in der Runde der letzten acht gegen Lazio Rom siegreich blieben. Damit war endgültig Geschichte geschrieben: Erstmals hatte ein norwegischer Verein ein europäisches Halbfinale erreicht. Vor dem Duell mit Tottenham wurden im Aspmyra-Stadion 30 der letzten 37 Europacup-Spiele gewonnen – ein weiteres Indiz für die ungeheure Heimstärke des Vereins. Gegen die Spurs blieb man jedoch chancenlos.
Bodø/Glimt ist im internationalen Vereinsfußball längst zu einem respektierten Gegner aufgestiegen. Und doch ist es so schwer, den Verein auszurechnen, wie auch Andreas Herzog weiß: „Niemand kennt die Mannschaft so richtig, der Verein hat keinen ganz großen Namen, aber ist seit Jahren dabei, sich einen zu machen.“ Die Nordnorweger und Sturm sind zwei ungleiche Mannschaften, die in vielerlei Hinsicht auf unterschiedliche Strategien setzen. Während der fünffache österreichische Meister seit Jahren fast ausschließlich auf talentierte Legionäre setzt, verliert Bodø den regionalen Aspekt nach wie vor nicht aus den Augen, was den Zusammenhalt, für den die nordländischen Kicker seit jeher bekannt waren, zusätzlich stärkt. Diese kollektive Stärke erklärt, weshalb Norwegen mit seinen 5,6 Millionen Einwohnern auch in anderen Sportarten wie Handball, Leichtathletik, Skifahren, Triathlon, Skispringen, Golf, Beachvolleyball, Schach und den nordischen Skidisziplinen weit erfolgreicher ist als Österreich. Bei den Olympischen Spielen 2024 landeten die Skandinavier auf Rang 18, während Österreich nur Platz 36 belegte. Bei einem näheren Vergleich der beiden Sportnationen wird unmissverständlich klar: Der Trend geht klar Richtung Norwegen. Zu einem wesentlichen Teil lässt sich das auf die große Sportförderung zurückführen. Im Norden herrscht gemeinhin ein anderer Zugang zum Sport – auch schon bei den Kleinsten. „Norwegische Kinder werden bewegt – oder besser gesagt: Die Kinder bewegen sich von sich aus. Viele Kinder beginnen in einem kleinen Sportverein. Von dort aus machen sie einen Schritt nach dem anderen.“ Der österreichische Skilangläufer Mika Vermeulen meint etwa: „Wenn ich in Österreich beim Billa erzähle, dass ich gerade vom Trainieren komme, dann ist das Erste, das kommt: Na, so eine Schinderei, dass du dir so etwas antust. Wenn ich das Gleiche in Norwegen mache, dann sagen sie: Mah, schön, wo bist du heute gewesen?“
Auf das anstehende Champions-League-Play-off haben diese Umstände nur bedingt Auswirkungen. Ob sich all diese Österreich-Norwegen-Prognosen diverser Experten verwirklichen, werden die nächsten Jahrzehnte zeigen. Für Sturm gegen Bodø/Glimt steht fest: Es wird ein Aufeinandertreffen zweier verschiedener Welten. Die Schwarz-Weißen sind jedenfalls von vielen Seiten gewarnt worden. Andreas Herzog meinte: „Ein richtig unangenehmer Gegner, gut organisiert, physisch stark, dazu mit vielen spielerischen Elementen.“ Sturm-Sportchef Michael Parensen: „Bodø/Glimt ist nicht umsonst Meister geworden, konnte in den vergangenen Jahren auch auf europäischem Parkett aufzeigen und stellt daher den berechtigten Anspruch, in die Königsklasse einzuziehen.“ Und abschließend Coach Säumel: „Wir nehmen alles an, werden uns bestmöglich vorbereiten und eine richtig gute Leistung bringen“ – und die wird es auch brauchen, denn Sturms bislang einziges Duell mit einem norwegischen Vertreter endete blamabel: 2019 scheiterte man in der Quali zur Europa League an Haugesund. Ein möglicher Vorteil für die „Blackies“: Das Rückspiel steigt „zu Hause“ in Klagenfurt. Wie man es auch dreht und wendet – Sturms Tenor bleibt unverändert: „Machbar, aber nicht einfach!“
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