Rudi Hiden: Vom Steirerbua zum Praterlöwen

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Nur wenige Kicker schafften vor Einführung der nationalen Meisterschaft den Sprung von einem Bundesländerteam in die damalige Fußball-Hochburg Wien. Einer davon war der 18-jährige Rudi Hiden. Anfangs noch aufgrund seines ländlichen Outfits geschmäht, sollte seine Herkunft prompt keine Erwähnung mehr wert sein. Denn der gelernte Bäcker avancierte zum wohl weltweit besten Tormann seiner Zeit.

Rudolf Hiden wurde im Jahr 1909 in eine Grazer Familie geboren, die für Sport wenig bis gar nichts übrig hatte. Blöd für Rudi, der sich seine Leidenschaft jedoch keinesfalls ausreden ließ. „Kaum hatte er das Gehen erlernt, tauschte er Schnuller und Windel gegen Lederball und Fußballschuhe“, heißt es. Einen Großteil seiner Freizeit verbrachte der damalige Mittelstürmer in hiesigen Parks, um sich mit Freunden stundenlange Matches zu liefern.

Als der 13-Jährige eines Tages im Grazer Augarten wieder seiner Lieblingsbeschäftigung nachging, konnte er nicht ahnen, dass Hans Rosner, Tormann und Talentespäher des GAK, der sich gerade auf einem Spaziergang befand, auf den Ausnahmekönner aufmerksam wurde. Die beiden kamen umgehend ins Gespräch. Wenige Tage später trainierte Hiden erstmals in der Jugendmannschaft der Rotjacken. Wo sein Schicksalstag nicht lange auf sich warten ließ: Als sich der Einsertormann während einer Begegnung verletzte, versuchte der großgewachsene Hiden sein Glück und stellte sich freiwillig in den Kasten. Seinen Betreuern fiel die Kinnlade herunter, das Talent des Jugendlichen als Schlussmann war unverkennbar.

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Um 30 Euro nach Wien

In den nächsten Jahren durchlief der Rohdiamant die Jugendmannschaften des Vereins und durfte mit nur 16 Jahren in der Kampfmannschaft debütieren. Durch seine für die damalige Zeit hochmoderne Tormann-Interpretation hatte Hiden maßgeblichen Anteil an den damaligen Erfolgen der Athletiker, holte mit dem Verein 1926 sowie 1927 die steirische Meisterschaft und 1927 den steirischen Cupbewerb.

Durch seine Qualitäten und die mediale Aufmerksamkeit weckte er rasch das Interesse zahlreicher Wiener Scouts, die bei den Rot-Weißen förmlich Schlange standen. Besonders eifrig um die Dienste des Ausnahmetalents bemühten sich Austria Wien, Simmering und der Wiener AC. Letzterer gewann schließlich das Rennen um den Jungspund, musste dem GAK eine für damalige Verhältnisse „gigantische“ Ablösesumme von 500 Schilling (30 Euro) zukommen lassen.   

Seine zukünftigen Mannschaftskollegen staunten nicht schlecht, als der Senkrechtstarter erstmals vor ihnen stand – mit Motorrad, Lederhose und markantem steirischen Akzent. Der Auftakt in der Millionenstadt verlief für den Provinzler denkbar holprig, sorgte er nicht nur abseits des Rasens für Aufsehen, sondern tat sich zunächst auch als Tormann schwer, kassierte billige Gegentore. Sein Mitspieler Karl Sesta hatte für den verunsicherten Keeper wenig übrig: „So a Goal kann nur a Steirer kriegen“, rief er Hiden nach einer tollpatschigen Aktion zu. Das „Steirertor“ war geboren. Der Begriff gehört auch heute noch fest zum österreichischen Fußball-Jargon, eine Metapher für einen schweren Tormannfehler.

Bald sollte all das Gerede der Vergangenheit angehören. Denn Hiden wuchs einmal mehr über sich hinaus, brillierte prompt wieder durch seine Faust-, Fang- und Abschlagkünste, in Eins-gegen-eins-Situationen sowie das hochmoderne Stellungsspiel. Seine „Ausflüge“ ähnelten jenen von Manuel Neuer. Im Jahr 1931 feierte der Schlussmann die größten Vereinserfolge, holte mit dem „Praterklub“ den Pokalsieg und zog ins Finale des Mitropacups ein, wo die First Vienna allerdings einen Ticken besser war.

Vom zerplatzten England-Deal zum Wunderteam-Goalie

Auch an Verbandskapitän Hugo Meisl ging die kometenhafte Entwicklung des Steirers, dessen Markenzeichen ein schwarzer Pullover mit weißem Rollkragen und Pullmannkappe war, keineswegs vorbei. Als 19-Jähriger debütierte Hiden in der Nationalmannschaft. 1930 zeigte er bei Testspielen mit der Tschechoslowakei und England groß auf, hielt gegen die Three Lions vor über 60.000 Zusehern auf der Hohen Warte den Kasten sauber. Arsenal-Coach Herbert Chapman wollte den Ausnahmekönner anschließend unbedingt im Dress der Gunners sehen, unterbreitete dem WAC ein Angebot von 2.600 Pfund Ablöse. Letztlich platzte der Deal jedoch an den striken Arbeits- und Einreisebestimmungen.

Der 5:0-Kantersieg über die damalige Fußballmacht Schottland am 16. Mai 1931 läutete die Ära des österreichischen Wunderteams ein. Teamchef Meisl konnte dem Druck der Journalisten zuvor nicht standhalten und gab Mittelstürmer Matthias Sindelar wieder den Vorzug. Eine weise Entscheidung. Denn der „Papierene“ wird in den nächsten zweieinhalb Jahren gemeinsam mit „Praterlöwen“ Hiden das Herzstück der Nationalmannschaft bilden.

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Hiden setzte auch modische Akzente. Foto: Sammlung H. Rienessel/Hiden-Museum des StFV

Als einziger Nicht-Wiener hatte er maßgeblichen Anteil am Erfolgslauf des Wunderteams, das Gegner wie Deutschland, Ungarn, die Schweiz, Italien, Belgien und Frankreich der Reihe nach in Angst und Schrecken versetzte. Bis Dezember 1932 blieben Meisels Männer unbesiegt, gewannen zudem den Europapokal der Fußball-Nationalmannschaften, Vorläufer der Europameisterschaft. Einzig das „Jahrhundertspiel“ gegen England an der Stamford Bridge ging knapp mit 3:4 verloren, bis heute als „glorreichste Niederlage“ in der österreichischen Fußballgeschichte bekannt. Der bodenständige Hiden wurde zum Star, seine Bäckerei zum Treffpunkt von Journalisten. Im Februar 1933 endete seine Länderspielkarriere nach insgesamt 20 Einsätzen, wobei er sechs Mal die Null hielt.

Noch im selben Jahr entschied sich der 24-Jährige für den Schritt ins Ausland und folgte dem britischen Fußball-Entwicklungshelfer Jimmy Hogan für eine Ablösesumme von 80.000 Francs zu Racing Paris. Mit dem Hauptstadtklub gewann er 1936 die Meisterschaft und krönte sich dreimal zum Pokalsieger (1936, 1939, 1940). Nachdem er die französische Staatsbürgerschaft angenommen hatte, absolvierte er als 36-Jähriger ein Länderspiel für die Équipe Tricolore.

In den 1930ern gab es unter Fußballexperten keine zwei Meinungen: Hiden zählte neben dem Tschechoslowaken František Plánička und dem Spanier Ricardo Zamora zu den drei besten Torhütern der Welt. Doch wer tatsächlich der beste war, lässt sich nur schwer beantworten. Für die Tschechen ist es František, für die Spanier Ricardo und für die Österreicher eben Rudi. Objektiv betrachtet feierte Plánička als Vizeweltmeister den größten Erfolg, Zamora spielte bei den prominentesten Klubs und Hiden war auf der Linie einfach am revolutionärsten. Erfolg, Prominenz, individuelle Klasse: Alles Faktoren, die bei der Ermittlung der Stärke eines Torhüters eng miteinander verbunden sind. Hiden war im Kasten ein Biest, allseits bekannt und beliebt. Vielleicht fehlte ihm nur ein wirklich zählbarer, großer Titel. Womit er die Debatte ein für alle Mal beendet hätte.

Bild: ©Ullstein Bild

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