Fußballjournalismus ist heutzutage allgegenwärtig. Unmittelbar nach Abpfiff eines Spiels erscheinen online bereits die ersten Berichte und Resümees. Spieler müssen sich schweißgebadet vor laufenden Kameras zu ihren Eindrücken äußern, um den Live-Übertragungen im Fernsehen hautnahe (wenn auch nicht immer authentische) Emotionen zu bieten. Spätestens seit Einführung der ersten offiziellen Wiener Meisterschaft zur Saison 1911/12 füllte der österreichische Fußball in den Printmedien ganze Doppelseiten. Doch wie stand es um die Berichterstattung, als die Sportart neu in Österreich Einzug hielt?
Vor dem Jahr 1894 wurde in den österreichischen Zeitungen kaum über Fußball berichtet. Eine Tabelle der englischen Liga oder gar nur eine Erwähnung über zwei Zeilen waren eine große Ausnahme. Federführend hierbei war die Allgemeine Sport-Zeitung, die bereits in den 1880er-Jahren regelmäßig über Fußballereignisse aus aller Welt berichtete.
Als sich der „Fußballvirus“ im Wien des Jahres 1894 allmählich zu verbreiten begann, erlebte der Journalismus einen großen Aufschwung. Bedingt durch den Umstand, dass immer mehr Leute lesen konnten, verlagerte sich die Zielgruppe der Zeitungen langsam von Elitekreisen hin zu einem Massenpublikum. Der Unterhaltungswert stieg, und erste Illustrationen erschienen täglich in den Blättern. Da die Zeitungen zur damaligen Zeit sehr billig produziert wurden, konnten sie dementsprechend für einen symbolischen Preis verkauft werden – der Massenjournalismus trat zunehmend hervor.
Das erste offizielle Fußballspiel in Österreich zwischen der First Vienna und den Wiener Cricketern, die das Rennen um das „First“ im Vereinsnamen nur um einen Tag verpassten, wurde auf den 15. November, den Leopolditag, terminiert. Die legendäre Kuglerwiese ging als Schauplatz dieser ersten Begegnung auf österreichischem Terrain, die nach den Regeln der englischen „Football Association“ (FA) ausgetragen wurde, in die heimischen Fußball-Annalen ein. Bis zum Jahr 1896 sollte die Kuglerwiese, die heute zum Gebiet des Heiligenstädter Parks gehört, als Heimstätte der First Vienna dienen.
Vier Tage vor dem historischen Ereignis, am 11. November, nahm die Presse die beiden Vereine und das anstehende Kräftemessen erstmals zur Kenntnis. „Fußball Wettspiel“, titelte das Neue Wiener Tagblatt und widmete dem Match ganze sechs Zeilen Vorbericht. Der Kurzartikel in Österreichs auflagenstärkster Zeitung vor 1938 erschien inmitten von Lokalnachrichten und einem Bericht über die Obst- und Gemüse-Ausstellung in Klosterneuburg: „Der ‚Erste Wiener Fußballklub‘ wurde von dem ‚Ersten Wiener Cricket- und Fußballklub‘ zu einem Match herausgefordert, das am 15. d. M. (diesen Monats, Anm.) (Leopoldi) ausgetragen wird. Das Wettspiel findet auf dem Spielplatz des ‚Ersten Wiener Fußballklubs‘, Hohe Warte, gegenüber der Villa Rothschild, statt und beginnt um ¾ 3 Uhr nachmittags.“ Auffällig dabei ist der als „verdeutschungssüchtig“ bezeichnete Schreibstil der Zeitung.
Auch der Neuen Freien Presse (heute besser bekannt als Die Presse) war das Match zwischen der Vienna und den Cricketern nur wenige Zeilen wert. Unter der Überschrift „Eine Herausforderung“ informierte das Blatt seine Leser über das bevorstehende Ereignis: „Der seit Sommer dieses Jahres in Wien bestehende ‚Erste Wiener Fußball-Club‘ wurde von dem im Herbst hier entstandenen ‚Ersten Wiener Cricket- und Fußball-Club‘ zu einem Match herausgefordert. Das Wettspiel wird am 15. d. (Leopoldi) auf dem Spielplatze des erstgenannten Clubs, Hohe Warte, gegenüber der Villa Rothschild, ausgetragen und beginnt um ¾ 3 Uhr nachmittags.“
Die Begegnung selbst fiel deutlich zugunsten der Cricketer aus. Die „Praterkicker“ fegten die Gastgeber mit 4:0 vom Platz. Während die Spieler der Vienna noch mit glatten Sohlen aufliefen – wie es heute bei Hallenturnieren üblich ist –, hatten ihre Rivalen durch eine Art Stollen unter ihren Schuhen einen spürbaren Vorteil.
Am nächsten Tag erschien im Neuen Wiener Tagblatt in der Rubrik „Sportliches“ eine kleine, aber feine Zusammenfassung des Geschehenen: „Auf der Hohen Warte in Döbling hat gestern ein Fußball-Wettspiel zwischen dem ‚Ersten Wiener Fußballklub‘ und dem ‚Ersten Wiener Cricket- und Fußballklub‘ stattgefunden, bei welchem der letztgenannte, ausschließlich aus Engländern bestehende Klub den Sieg davontrug.“
Die Neue Freie Presse, die sich damals durch Artikel prominenter Autoren wie Arthur Schnitzler oder Berta von Suttner als führendes Blatt der Habsburgermonarchie etablierte, gab sich im Spielbericht sichtlich mehr Mühe: „Die englische Colonie hatte sich gestern in Döbling ein Rendezvous gegeben, und ein recht ansehnliches Publicum gesellte sich ihr bei. Es handelte sich um ein Fußballwettspiel zwischen dem Ersten Wiener Fußball-Club und dem Ersten Wiener Cricket- und Fußball-Club. Während der erstgenannte dieser Clubs der Mehrheit nach aus Wienern besteht, ist in dem Cricket- und Fußball-Club das englische Element allein vertreten. Das letztere, das auf sportliche Spiele seit Generationen gedrillt ist, behielt bei dem gestrigen Match die Ueberhand; sowohl die Geschicklichkeit der einzelnen Spieler als auch das glücklich getroffene Arrangment sicherte den Engländern den Sieg. Sie trieben den Ball dreimal durch das Ziel, während dies ihren Gegnern nicht ein einziges Mal gelang. Spieler wie Zuschauer hatten an der Veranstaltung, zu deren Schauplatz das ebene Terrain auf der Hohen Warte gegenüber der Villa Rothschild benützt wurde, ihr helles Sonntagsvergnügen.“
Dieser Bericht kann somit getrost als erster Fußballartikel Österreichs bezeichnet werden. Auffällig ist jedoch, dass in keiner der beiden Zeitungen das Ergebnis (korrekt) angegeben wird. Das Neue Wiener Journal veröffentlichte ebenfalls einen Spielbericht, der sich jedoch sehr stark an jenen Artikel aus der Neuen Freien Presse anlehnt. Nahezu der gesamte Text wurde eins zu eins übernommen – nur einzelne Wörter wie „Feiertagsvergnügen“ anstatt „Sonntagsvergnügen“ wurden abgeändert.
Bild: ANNO
