Magnus Douglas Nicholson beendete die „Steinzeit“ des österreichischen Fußballs. Nachdem der englische Fußballer, der zuvor in seiner Heimat den FA-Cup gewinnen konnte, im Jahr 1897 nach Wien kam, entwickelte er sich rasch zu einem der ersten und wichtigsten Wegbereiter des österreichischen Fußballs. „Mark“ Nicholson sorgte nicht nur aufgrund seiner spielerischen Affinität für große Augen unter den Zusehern, sondern verlieh der hierzulande noch jungen Sportart erste organisatorische Strukturen, gründete den Vorläufer des heutigen ÖFB und brachte den Wiener Kickern grundlegendes Spielverständnis bei.
Magnus Douglas Nicholson beendete die „Steinzeit“ des österreichischen Fußballs. Nachdem der englische Fußballer, der zuvor in seiner Heimat den FA-Cup gewinnen konnte, im Jahr 1897 nach Wien kam, entwickelte er sich rasch zu einem der ersten und wichtigsten Wegbereiter des österreichischen Fußballs. „Mark“ Nicholson sorgte nicht nur aufgrund seiner spielerischen Affinität für große Augen unter den Zusehern, sondern verlieh der hierzulande noch jungen Sportart erste organisatorische Strukturen, gründete den Vorläufer des heutigen ÖFB und brachte den Wiener Kickern grundlegendes Spielverständnis bei.
Die Geschichte des späteren Fußballpioniers und Weltreisenden begann am 6. März 1871 im englischen Oakengates (Shropshire). Im Alter von 18 Jahren begann seine ballesterische Laufbahn bei Oswestry Town. Nach rund zwei Jahren, im Mai 1891, unterschrieb Nicholson einen Profivertrag (in England wurde der Profibetrieb bereits 1885 eingeführt) im Zentralwesten Englands bei West Bromwich Albion. Bei den Baggies avancierte der Außenverteidiger zu einer wichtigen Stütze und brachte es in drei Spielzeiten auf 67 Bewerbsspiele. Sein unumstrittener Karrierehöhepunkt war der Gewinn des 1871 eingeführten FA-Cups. Am 19. März 1892 traf West Bromwich vor 32.810 Zusehern im Kennington Oval auf die starke Mannschaft von Aston Villa, FA-Cup-Sieger 1887 und Vizemeister 1889. „Die Villa-Mannschaft hatte zu dieser Zeit gerade James Cowan als schottischen offensiven Innenverteidiger verpflichtet und hatte drei weitere Schotten in ihren Reihen. Und die West-Brom-Mannschaft war ungewöhnlich. Als einer der Vereine, der sowohl in seinen Anfangsjahren als auch in seiner gesamten Geschichte nur wenige Schotten beschäftigt hat – nur 121 in fast 150 Jahren –, hatte es drei: Nicholsons Außenverteidiger-Partner Tommy McCulloch, der von Partick Thistle und den Rangers kam, den schottischen Nationalspieler Willie Groves Snr. als Mittelfeldspieler und Roddy McLeod, ebenfalls von Thistle, im Sturm.“ Über den schottischen Einfluss Nicholsons hieß es später: „Vielleicht erkannte M.D. durch das Spielen mit den Schotten die Überlegenheit ihres Spiels, übernahm es nicht nur und gab es weiter, sondern legte, wenn auch unwissentlich, den Grundstein für die Ankunft von Hugo Meisl.“ West Brom jedenfalls behielt mit einem souveränen 3:0 die Oberhand und krönte sich damit zum zweiten Mal nach 1888 zum FA-Cup-Gewinner.
Im Jahr 1894 verließ er den Verein, um eine Stelle als stellvertretender Direktor an einer Schule in Bedford anzunehmen. Seine fußballerische Laufbahn setzte er bei Luton Town fort, das im selben Jahr Gründungsmitglied der Southern League wurde. In weiterer Folge verschlug es Nicholson – nach einem Aufenthalt in Kairo und Marseille – an die Donau. Im Jahr 1897 übernahm er beim internationalen Reisebüro Thomas Cook and Son, das gerade eine Zweigstelle in Wien eröffnet hatte, die Position des Büroleiters.
Selbstverständlich wollte der Mittzwanziger seine aktive Karriere im Fußball nicht frühzeitig beenden – ganz im Gegenteil. Bald stellte er sich beim ältesten Verein Österreichs, der First Vienna, vor, und dieser nahm den ehemaligen Profikicker umgehend auf. Begünstigt wurde dieser Umstand dadurch, dass die Vienna noch immer ein überwiegend englischer Verein war. Doch im Gegensatz zu ihrem Rivalen, den „Cricketern“, fanden sich in Döbling Wiener, Briten, aber auch andere europäische Ausländer sowie Studenten aus den habsburgischen Kronländern zusammen. Diese beiden Mannschaften bestritten vor damals nicht allzu langer Zeit, im Jahr 1894, das erste offizielle Fußballspiel auf österreichischem Boden: Die Vienna unterlag den Cricketern auf der Kuglerwiese vor 219 Zusehern mit 0:4. Anfangs konnten die vereinzelten Matches noch als „Rudelkick“ bezeichnet werden. „Überall dort, wo der Ball war, massierten sich die Spieler. Jeder versuchte, ihn für sich zu gewinnen und irgendwie Richtung gegnerisches Tor zu bugsieren.“ Weder die Kicker noch die Zuseher hatten Ahnung von der neuen Sportart. „So dachten viele, dass die Punkte durch den Linienrichter angezeigt würden, und freuten sich, wenn der ‚Outwachler‘ auf ihrer Seite häufig sein Fähnchen hob.“ Auch die Methoden der ersten Coaches wie Max „Mac“ Johann Leuthe verliefen äußerst skurril. „Als Trainer entwickelte er eine ‚geistreich wie wirksame‘ Methode, die die Kicker von Fehlern abhalten sollte: Er nahm sich eine Handvoll Steine und stellte sich in die Mitte des Platzes. Mit gezielten Würfen bestrafte er jeden Spieler, der sich einen Patzer geleistet hatte.“ Eines stand fest: Es musste sich unter allen Umständen etwas tun, um dieser ruppigen und verwilderten „Steinzeit“ des österreichischen Fußballs entgegenzuwirken. Mit der Ankunft von Magnus Douglas Nicholson, der hierzulande vertraulich „Mark“ genannt wurde, sollte die Spielgestaltung in Wien reformiert und gewissermaßen „modernisiert“ werden.
Prompt entwickelte sich der 26-Jährige zur Ausnahmeerscheinung im Wiener Fußball – er war nicht nur der mit Abstand beste Kicker, sondern erwies sich auch als echter Publikumsmagnet. Nicht selten kam es vor, dass Nicholson den berühmt-berüchtigten irischen „Rempelkönig“ der Cricketer, William Flavin, der sich aufgrund einer Verletzung eines Gegenspielers sogar vor Gericht verantworten musste, mit seiner Technik sowie Wendigkeit regelrecht schwindelig spielte und dieser vergeblich ins Leere grätschte. Bereits sein erster Auftritt im gelb-blauen Dress der Döblinger markierte eine Zäsur im österreichischen Fußball. Am 15. November 1897 absolvierte Nicholson seine erste Begegnung und gleichzeitig sein erstes Derby gegen die Cricketer. Der FA-Cup-Sieger von 1892 sorgte gleich mit einem 40-Meter-Hammer für Aufsehen: Nur wenige konnten diesen scharfen Schuss verfolgen – so auch der Schiedsrichter. Schließlich wurde sein Traumtor zum 3:3 nicht gegeben, da nicht klar war, ob der Ball nun zwischen den Stangen oder daneben gelandet war. Darauf „stapfte Nicholson wütend vom Platz und bestellte mit der nächsten Lieferung aus England ein paar Netze.“ Tornetze waren in seiner Heimat seit 1891 gang und gäbe und verliehen auch den Partien in Österreich mehr Regelkonformität. Darüber hinaus führte er ordentliche Schiedsrichterbekleidung ein und revolutionierte die Spielgestaltung, indem er seinen Wiener Kollegen erklärte, dass das Passspiel sinnvoller sei, als ständig nur den Abschluss zu suchen. Nicholson brachte also die erste Form von Taktik mit nach Wien.
Der Star und Kassenmagnet brillierte jedoch nicht nur auf dem Feld, sondern übernahm bald auch Agenden als Organisator und Funktionär bei der First Vienna. Er begann, die Mannschaft mit neuen Trainingsmethoden zu coachen und wollte sie kontinuierlich an die Qualität seiner britischen Kollegen heranführen. Unter seiner Regie als Spieler und Trainer gelang dem ältesten Fußballverein Österreichs in den Jahren 1899 sowie 1900 der Sieg im Challenge-Cup, dem Vorreiterwettbewerb des ÖFB-Cups und des Mitropa-Cups. Er schaffte es in seiner dreijährigen Anwesenheit, den Fußball in Österreich gesellschaftsfähig zu machen.
Nicholson, ein klassischer „Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle“, schwang auch bald das Zepter in der Organisation des gesamten österreichischen Fußballs. Im Jahr 1898 rief er das „Komitee zur Veranstaltung von Fußballspielen“ ins Leben – den Vorgänger des ersten offiziellen österreichischen Fußballverbandes. Neben Nicholson selbst gehörten dem Komitee Vertreter weiterer Vereine (Cricketer, Wiener AC, Viktoria, Vindobona, Wiener FC 1898 und Rasenclub Austria) an. Die Hauptaufgabe dieses ersten inoffiziellen Dachverbandes war die Nominierung von Auswahlmannschaften, welche gegen andere Stadtauswahlen antreten sollten. Am 18. Dezember 1898 gab es einen Hauch von Länderspiel in Wien: Eine rein österreichische Wiener Mannschaft traf auf eine Auswahl von Wiener Engländern. Ein weiterer großer Verdienst des Komitees unter dem Fußballpionier Nicholson, der nunmehr ausschließlich als M.D. Nicholson (Managing Director) auftrat, war die Organisation des ersten Gastspiels einer englischen Mannschaft auf österreichischem Boden. Zu Ostern im Jahr 1899 wurde das beste Amateurteam Englands, die Universitätsmannschaft von Oxford, zu einem Lehrspiel gegen eine Wiener Auswahl eingeladen. Die Gäste führten vor, wie Raumaufteilung zu funktionieren hat, dass ein Tor mit dem Kopf erzielt werden kann – und ganz nebenbei gewannen sie an beiden Tagen vor jeweils 3.000 Zusehern mit 0:13 bzw. 0:15. Nicholson selbst lief an beiden Spieltagen als Verteidiger auf. „Die Wiener gingen entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit nicht beleidigt davon, sondern zogen vielmehr ihre Lehren aus den kapitalen Niederlagen.“ Der Anschauungsunterricht der Oxforder zeigte Wirkung: Ein Jahr später erzwang die Wiener Auswahl gegen den englischen FC Richmond ein 1:1-Remis. Erstmals blieb eine Mannschaft des europäischen Kontinents gegen Engländer unbesiegt. Im Jahr 1899 initiierte das Komitee eine weitere große Neuerung: Künftig musste jeder, der Schiedsrichter werden wollte, eine einschlägige Regelprüfung ablegen – ein weiteres Indiz dafür, dass der Fußball in der Nicholson-Ära immer geregeltere Strukturen annahm.
Kurz vor Nicholsons Heimreise, am 4. Jänner 1900, schloss sich das als Interessenvertretung aller Vereine gegründete Komitee zur Veranstaltung von Fußballwettspielen zur Österreichischen Fußball-Union (ÖFU) zusammen. Bis Oktober 1900 übte Mark Nicholson das Amt des ersten Präsidenten aus. Diesem ersten offiziellen Fußballverband, in dem sich 19 Vereine zusammengeschlossen hatten, gelang es, ein erstes verbindliches Regelbuch herauszugeben. Zudem sollte die neue ÖFU künftig für einen noch geregelteren Spielbetrieb sorgen und eine Meisterschaft installieren. Mit der Union ging es jedoch rasch bergab: Sie verlor nach und nach an Einfluss und löste sich schließlich bereits im Jahr 1904 aufgrund ihrer Ohnmacht gegenüber den Cricketern sowie der Vienna wieder auf. Die beiden größten Kritiker gründeten am 18. März 1904 den Österreichischen Fußball-Verband (ÖFV), den Vorgänger des heutigen ÖFB.
M.D. Nicholson erlebte diese strukturellen Änderungen nicht mehr mit. Im Jahr 1900 hatte der Entwicklungshelfer Wien verlassen und die Stadt somit gewissermaßen ihrem Schicksal überlassen, da sein Ziel, den Fußball populärer zu machen, erfüllt schien. „Als Nicholson (…) Wien wieder verließ, hatte er den Boden beackert, auf dem der österreichische Fußball gedeihen sollte.“ Auf einem anderen Blatt stand: „Als Nicholson 1900 in seine Heimat zurückbeordert wurde, hatte er ganze Arbeit geleistet.“ Sein letztes Spiel für die First Vienna stieg im Zuge eines freundschaftlichen Aufeinandertreffens mit dem FC Zürich, wobei der Engländer das Tor hütete und somit zum fulminanten 4:0-Kantersieg der Wiener beitrug. Bei den Döblingern wurde er zum ersten Ehrenkapitän auf Lebenszeit ernannt. Nach seinem Abgang aus der Donaumetropole war er nicht mehr als aktiver Fußballer tätig. In Hamburg leitete Nicholson künftig Begegnungen als Unparteiischer, ehe er sich um 1907 in Paris niederließ und dort Cricket spielte. Nachdem er für seinen Arbeitgeber viele Jahre in Hamburg, Kairo und Paris unterwegs gewesen war, kehrte er in seine Heimat zurück, um dort einen Industriebetrieb zu leiten. Im Jahr 1941 verstarb der größte österreichische Fußball-Pionier des 19. Jahrhunderts im Alter von 70 Jahren.
Seine dreijährige Anwesenheit in Wien hinterließ tiefe Gedächtnisspuren. Im Jahr 1914 gründete sich in der Hauptstadt sogar ein eigener, in Blau-Gelb spielender Fußballverein unter dem Namen SC Nicholson, dessen größter Erfolg der Meistertitel der 2. Leistungsstufe im Jahr 1928 war. Nicholson selbst reagierte mit einem Brief auf den ihm gewidmeten Klub. Darin schrieb er von „herrlichen drei Jahren in Wien“ und hoffte auf einen baldigen Besuch seiner ehemaligen Heimat. Im Jahr 1933 entstand aus dem SC Nicholson der FC Wien, Vizemeister von 1942, der heute bereits mehrfach fusioniert, aufgelöst und neugegründet wurde. Der Klub beruft sich jedoch nach wie vor auf den einstigen Fußball-Pionier.
Heutzutage teilen sich die Expertenmeinungen zu Mark Nicholson. Einerseits sieht man in ihm den Auslöser für ein in späteren Jahrzehnten immer wieder auftauchendes Kernproblem des österreichischen Fußballs – das Toreschießen. „Alles Mögliche hatte er den Österreichern beigebracht, nur eines hatte er offenbar versäumt: seine Schüler vom Widerwillen zum Toreschießen zu befreien (…) Österreicher schießen eigentlich nicht gern aufs Tor, erst recht nicht mit Gewalt. Es ist ihnen schlicht zu plump. Den Ball über den Platz zu tragen, kunstvoll zu kombinieren, als wäre der Fußballplatz eine Theaterbühne, das ist ihre Welt. Auf den Kasten aber wird nur geschossen, wenn sich wirklich keine Alternative mehr bietet. Will man jedoch jemandem die Schuld für diese österreichische Eigenart in die Fußballschuhe schieben, ist es ein Engländer: M.D. Nicholson.“ Andererseits steht zweifelsohne fest, dass Nicholson den österreichischen Fußball revolutionierte und sein Aufenthalt von schicksalhafter Bedeutung für eine rasche Entwicklung war. „Die Engländer brachten in Wien – und anderswo – das Kind nicht bloß auf die Welt. Sie kümmerten sich auch liebevoll darum, jedenfalls so lange, bis es sprechen konnte.“ Das lässt sich anhand eines simplen Beispiels veranschaulichen: Als er in Wien eintraf, gab es dort insgesamt nur sechs Fußballmannschaften – als er die Stadt verließ, waren es ganze 45. Er wird nach wie vor als „Befreier aus der Fußball-Steinzeit“ gepriesen.
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