Am 8. August wird Herbert Prohaska, Österreichs Jahrhundert-Fußballer, 70 Jahre alt. „Schneckerl“, wie er gerufen wurde, gehörte den großen Austria-Wien-Mannschaften der 1970er- und 1980er-Jahre an und wurde zudem von Inter Mailand als erster ausländischer Kicker unter Vertrag genommen. Auch im Nationalteam glänzte er und nahm an den Weltmeisterschaften 1978 sowie 1982 teil. Als Teamchef führte er den ÖFB zu seiner bisher letzten WM-Teilnahme im Jahr 1998. Ein Blick zurück auf die ruhmreiche Karriere von Herbert Prohaska – alles Gute zum 70er!
Herbert Prohaska wurde am 8. August 1955 in Wien-Simmering geboren und wuchs in „einfachen“ Verhältnissen auf – sein Vater war Hilfsarbeiter, seine Mutter Bedienerin. Bereits in sehr jungen Jahren begann Prohaska leidenschaftlich, Fußball zu spielen – meist lieferte er sich „Kickerl“ mit älteren Kindern aus der Nachbarschaft. Mit neun Jahren begann der Jungspund bei Vorwärts XI, wo sein Vater als Nachwuchstrainer tätig war, mit dem Vereinsfußball. Im Jahr 1970 nahm seine Karriere im Herrenfußball Fahrt auf: Zwei Jahre lang kickte er beim unterklassigen SC Ostbahn XI, wo er unter anderem einen Meistertitel feierte.
Der vielversprechende, technisch beschlagene Jugendliche wurde im Jahr 1972 von der Wiener Austria verpflichtet und in den Profikader aufgenommen – dabei gab Prohaska später zu, dass er ursprünglich mit Rapid sympathisierte. Die frühen 1970er-Jahre fielen jedoch für beide großen Hauptstadtvereine eher weniger rosig aus. Während der Meistertitel des LASK im Jahr 1965 nur ein vermeintlicher Ausrutscher war, begann die traditionelle Wiener Dominanz nun endgültig zu bröckeln. Die „Veilchen“ holten im Jahr 1970 ihren vorerst letzten Meistertitel. In den Jahren 1971, 1972 sowie 1973 holte sich das Wiener Gegenpol von Wattens-Wacker jeweils die Meisterschaft, 1974 war es VÖEST Linz und ein Jahr darauf wieder einmal die Tiroler. Dennoch wurde der Spielstil der Austrianer am Übergang von den 1960er- in die 1970er-Jahre als „dynamisch und konsequent“ beschrieben – also genau das, was Prohaska später brauchen sollte. Die Zuschauerzahlen in der Hauptstadt gingen bergab – oft war das Grazer sowie Linzer Derby deutlich besser besucht –, im Jahr 1968 wurde ein Länderspiel erstmals nicht in Wien, sondern in Linz ausgetragen, und das traditionsreiche Wiener Stadthallenturnier neigte sich rund 15 Jahre nach seiner Gründung dem Ende zu. Es musste sich also etwas tun – doch schon bald sollten die Wiener Vereine wieder in Mode kommen, nicht zuletzt aufgrund der jungen Fanlieblinge Herbert Prohaska und Hans Krankl.
Sein erstes Pflichtspiel für Austria Wien absolvierte Prohaska kurz nach seinem 17. Geburtstag, am 11. August 1972, in der Nationalliga gegen Wattens-Wacker. In der 29. Minute wurde er für Klaus Kelmer eingewechselt. Doch vorerst sollten die violetten Anhänger nicht auf das ballaffine Mittelfeld-Talent aufmerksam werden. Bereits sein zweites Meisterschaftsspiel am 18. August 1972 war ein Wiener Derby – es war gleichzeitig das erste Duell zwischen Prohaska und Krankl. „Das war für mich doppelt so emotional. Ich war übernervös und spielte ganz, ganz schlecht“, sagte er rückblickend. Rapid gewann mit 1:0 und Prohaska wurde als „langsam“ beschrieben. Das sollte sich jedoch bald ändern, denn noch in der Saison 1972/73 brachte er es unter den Trainern Karl Stotz bzw. Béla Guttmann auf ganze 32 Einsätze, wobei er gleich achtmal netzte. Den ersten Treffer erzielte er im Cup auswärts bei Kaprun, der erste in der Meisterschaft gelang ihm im Lehener Stadion.
Apropos Lehener Stadion: In der Folgesaison 1973/74 gelang der Austria und dem jungen Prohaska dort der Cupsieg. „Schneckerl“, wie er aufgrund seiner Lockenpracht genannt wurde, gelang dabei sogar ein Treffer. Gemeinsam mit großen Namen wie Robert Sara, Erich Obermayer, Karl Daxbacher, Helmut Köglberger und Ernst Fiala gelang dem Spielmacher also der erste von vielen Titeln mit seiner „Viola“. Spätestens unter den Trainern Josef Pecanka, Robert Dienst und Josef Argauer avancierte der elegante Regisseur, dessen Pässe den Mitspielern millimetergenau vor die Füße sprangen, zum unverzichtbaren Bestandteil im Mittelfeld der Austria. 1974/75 schieden die „Veilchen“ im Achtelfinale des Europapokals der Pokalsieger gegen keinen Geringeren als Real Madrid aus – Prohaska spielte natürlich beide Partien über die volle Distanz.
In der Saison 1975/76 zelebrierte „Schneckerl“ – unter anderem mit den Neuverpflichtungen um Hubert Baumgartner, Ernst Baumeister, Felix Gasselich und Hans Pirkner – den ersten österreichischen Meistertitel mit der Austria. In der Endabrechnung rangierte die Truppe von Rückkehrer Karl Stotz deutlich vor Wacker auf Rang eins. In der darauffolgenden Spielzeit scheiterten die „Veilchen“ zwar in der ersten Runde des Landesmeistercups an Borussia Mönchengladbach, holten dafür aber den heimischen Cupsieg gegen den Wiener Sportclub. In der Saison 1977/78 wurde Prohaska zum zweiten Mal Meister, diesmal vor Rapid. Darüber hinaus stieß die nun von Hermann Stessl trainierte Mannschaft im Cup der Cupsieger bis ins Finale vor, hatte dort jedoch gegen den belgischen Vertreter RSC Anderlecht mit 0:4 das Nachsehen. Immerhin: Es war das erste Europapokal-Finale einer österreichischen Vereinsmannschaft. Prohaska hatte einen wesentlichen Anteil am damaligen Erfolg: Mit seiner leichtfüßigen Eleganz und seinem prägenden Spielstil erzielte er nicht nur zahlreiche Tore, sondern bereitete diese seinen Mitspielern hauptsächlich auf wunderschöne Art und Weise vor.
In den Jahren 1979 und 1980 gewann der Verein aus dem 10. Wiener Gemeindebezirk erneut jeweils die österreichische Meisterschaft und komplettierte damit den Hattrick. Zudem krönte die Elf von Neo-Coach Erich Hof die Saison 1979/80 – Prohaskas vorerst letzte im Trikot der Violetten – mit dem Cupsieg und holte somit erstmals in Anwesenheit „Schneckerls“ das heiß begehrte Double. In der Spielzeit 1978/79 sorgte die Mannschaft von Hermann Stessl – unter anderem verstärkt durch Thomas Parits, Hans Dihanich und Walter Schachner – erneut international für Furore, indem man das Halbfinale des Meistercups (ab 1992 Champions League) erreichte. Dort scheiterte man jedoch am vermeintlichen „Freilos“ Malmö FF. Die Schweden verloren anschließend das Finale gegen Nottingham Forest.
Während Prohaskas Italien-Intermezzo hatte sich bei der Wiener Austria einiges getan. Unter Erich Hof bzw. dem tschechischen Coach Václav „Wenzel“ Halama wurde der Verein 1981 Meister, 1982 Cupsieger und stieß infolgedessen 1982/83 bis ins Halbfinale im Cup der Cupsieger vor, wo man sich dem „weißen Ballett“ von Real Madrid beugen musste. Nach seiner Rückkehr zur Saison 1983/84 fand Herbert Prohaska einige neue Gesichter vor – wie etwa Franz Wohlfahrt, Friedrich „Friedl“ Koncilia, Peter Artner, Andreas Ogris und Toni Polster. Gleich in seiner ersten Saison dirigierte der Italien-Rückkehrer seine Austria wie in den besten Zeiten der 1970er-Jahre. National waren die Wiener jedenfalls wieder das Maß aller Dinge: Die „Veilchen“ gewannen die Meisterschaft hauchdünn vor Rapid, im Cupfinale blieben die Hütteldorfer aufgrund der Auswärtstorregel siegreich. Im UEFA-Cup erreichte der Klub aus Favoriten immerhin das Viertelfinale. Zuvor hatte man noch Prohaskas Ex-Verein Inter Mailand aus dem Bewerb gestoßen.
Auf Halama folgte Thomas Parits, der noch vor kurzem gemeinsam mit Prohaska auf dem Feld stand. Während die Austria 1984/85 abermals in der nationalen Meisterschaft deutlich vor Rapid triumphierte, behielten die Grün-Weißen im Pokalfinale gegen ihren Erzrivalen erneut die Oberhand – diesmal nach einem geschichtsträchtigen Elfmeterkrimi. Auch international spielten beide Wiener Vereine groß auf: Prohaska erreichte mit der Austria das Viertelfinale im Meistercup, scheiterte dort jedoch an Liverpool, und Rapid war erst im Finale des UEFA-Cups zu bremsen – unter anderem mit Kickern wie Michael Konsel, Heribert Weber, Antonín Panenka, Zlatko Kranjčar, Peter Pacult und natürlich Rückkehrer Krankl.
Die Saison 1985/86 unter Trainer Hermann Stessl war die letzte richtig erfolgreiche für „Schneckerl“ in seiner aktiven Laufbahn. Es war die erste Spielzeit mit dem neuen, berühmt-berüchtigten Play-off-Modus. Sowohl in der Meisterschaft als auch im Pokalfinale setzten sich die Violetten gegenüber ihrem Stadtrivalen Rapid durch und holten damit nicht nur zum zweiten Mal unter Herbert Prohaska das Double, sondern auch zum zweiten Mal drei Meisterschaften hintereinander. Es sollte allerdings die letzte für „Schneckerl“ in seiner Spielerkarriere bleiben. 1985/86 sowie 1986/87 scheiterte die Austria im Meistercup-Viertelfinale am FC Bayern München, der vom großen Udo Lattek gecoacht wurde. Prohaskas Karriere dauerte bis zum letzten Meisterschaftsspiel der Saison 1988/89 an. In dieser Zeit kickte er unter anderem mit Toni Pfeffer, Walter Hörmann, Frenkie Schinkels, Hannes Reinmayr und Peter Stöger zusammen. Am 9. Juni 1989 war es dann jedoch so weit: Herbert „Schneckerl“ Prohaska absolvierte sein letztes von insgesamt 584 (!) Spielen für seine Wiener Austria, wobei er es auf stolze 134 Treffer brachte. Es war immerhin ein würdiger Abschied: Der GAK wurde vor eigener Kulisse mit 5:0 abgefertigt.
Mit Fortdauer der 1980er-Jahre beendeten immer mehr Kicker der berühmten 78er-Generation ihre aktive Karriere und widmeten sich dem Trainerjob – so auch Prohaska, der es in der höchsten österreichischen Spielklasse auf 96 Tore bei 458 Partien brachte, im ÖFB-Cup waren es 27 Einsätze und sieben Treffer. Mit Beginn der 1990er-Jahre sollte im heimischen Fußball eine neue Zeitrechnung eingeläutet werden. Prohaska wurde dreimal Fußballer des Jahres (1984, 1985 und 1988), ist Ehrenkapitän der Austria, erhielt 2005 das Goldene Ehrenzeichen für seine Verdienste um die Republik Österreich und wurde im Jahr 2004 zu „Österreichs Fußballer des 20. Jahrhunderts“ gewählt. Viele Fußballfans sind sich einig: Herbert Prohaska war der „letzte wirkliche König der Techniker“.
Bild: © Die Presse/Michaela Seidler, für AEIOU
